Die Riesenhöhle bei Balve
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
49 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1909
(Sauerland.)
Die Sonne sank – im AbendstrahlStieg ich zu Balves Felsensaal,Der wie ein Dom vor mir gebreitet,Sich übermächtig dehnt und weitet,Und mit den Wänden zackigrauhAufstrebt wie ein Gigantenbau. –
Ich stieg hinan und trat hinein –Die Sonne gab noch glühen ScheinDem Felspalaste am Portale,Indeß im Hintergrund vom Saale,Wohin mein Fuß jetzt langsam ging,Die Nacht schon ihren Mantel hing. –
Verödet lag der weite Raum,Ich sah die letzten Enden kaumVor mir im grauen Dämmerlichte,Und dann – gespenstiges Gesichte –Gewannen plötzlich Leben hierDie Vorwelt-Hünen – Mensch wie Tier. –
Ich sah Gestalten aufersteh’n,Wie sie die Erde einst geseh’n,Und wie sie Träume nur bescheren,Das Mammut und den Höhlenbären,Und wie der Mensch mit ihnen rang,Der Steinzeit, und die Keule schwang. –
Ein Kampf so wüst und ungeschlacht’,Daß Phantasie ihn kaum erdacht,Und der doch wirklich hat bestanden,Weil sich Beweise dafür fandenAus jenen Zeiten, wild und rauh,Auch hier in Balves Riesenbau. –
Wie oft mag hier der Grund gedröhnt,Wie oft geröchelt und gestöhntDer Kämpfer haben im Turneie –Wie oft der Fels vom TodesschreieGeklungen in der grausen Schlacht,Wenn Mut erlag der Uebermacht?
So woben ihren Schleier dichtEin Höhenspuk, ein Traumgesicht,Um mich mit immer fester’n Ringen –Da schlug von außen helles Singen,Den Spuk entzaubernd, an mein Ohr –Es war mein Freund am Felsentor. –
Nun zogen beide wir gemachIm Grünen, unter’m Tannendach,Zum Hönnetal des Weges weiter.Mein Freund, der stets fidel und heiter,Sang Lieder durch den Waldesraum –Ich dachte an den Höhlentraum. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 76-77, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Riesenhöhle bei Balve (Kämpchen)“, Fassung 3.564.856 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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