Zum Inhalt springen
Versbuch

Eine Vision

Rudolf Lavant · 18441915

65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1892

Gedicht von Rudolf Lavant. - (Hierzu die Illustration auf Seite 1164.)

Im dunklen Wald; der schweigend sie umringt,Liegt in der Winternacht die alte Schmiede.Der nerv'ge Mann, der drin den Hammer schwingt,Hat weder Lust noch Mut zu munt‘rem Liede,Das man im Takte zu der Arbeit singt,Denn seiner ernsten Seele fehlt der Friede,Und düster sieht man seine Augen blitzen,Wenn goldne Funken von dem Eisen spritzen.

Vom Feste fuhr nach seinem Schloß der Graf;Ein Rad zerbrach auf ausgefahr'nem Wege.Der Schmiede Leute weckt er aus dem SchlafUnd heischt, daß Hand ans Werk man eilig lege,Den Schaden bessernd, der den Wagen traf.Rasch sind denn auch die ruß'gen Männer rege,Bald kann die Pferde wieder vor man spannenUnd heil und risch rollt das Gefährt von dannen.

Und in den Schlummer sinkt der Wald zurück,Aus dem ihn aufgeschreckt der Hämmer Schlagen.Der düstre Blick des Schmiedes folgt ein StückDem hengstgezog’nen, üppig-weichen Wagen,Als sähe er ein nie erhaschtes GlückAn sich vorüber in den Nebel jagen,Und es vollzieht vor seinem starren SchauenAllmählich sich des Tages fahles Grauen.

Er murrt für sich: „Das war Sylvesternacht!Tagaus, tagein muss ich den Hammer schwingen,Doch Mühe hat das alte Jahr gebrachtUnd Müh’ und Plage wird das neue bringen,Und ob mein Feuer früh und spät entfacht ―Nur kargen Lohn vermag ich zu erringen,Bis mir dereinst nach arbeitsvollen WochenDas Mark verdorrt in alten morschen Knochen.

Es ist ein Unrecht, das gen Himmel schreit!Ungleich bedacht hat das Geschick uns Beide.Bei mir der Mangel und die DürftigkeitUnd grobe Kost im rauhen, plumpen Kleide ―Dort Ueberfluß und GoldgediegenheitUnd Glanz und Pracht und eitel Sammt und Seide!Wie lange müssen diesen Kelch wir trinkenUnd wird uns niemals die Erlösung winken?“

Da füllt der Wald sich wie mit RosenduftDurch eines Zaubers märchenhaftes WaltenUnd vor ihn tritt, wie ein Gebild der Luft,Die ernsteste und schönste der Gestalten,Die man sich träumt in eine Felsenkluft,Wo stille Wache gute Feen halten.Die Palme sieht er in der Rechten winken,Gesprengte Fesseln aber in der Linken.

Ein wunderbares, ein VerklärungslichtGeht aus von diesem lieblich-ernsten Bilde,Der Mund jedoch, der öffnet sich und sprichtVoll seelenvoller Innigkeit und Milde:„Du armes Volk der Arbeit ― zage nicht!Ich decke dich mit meinem DemantschildeUnd werde dich in bessern, schönern TagenVon jedem Leid befrei‘n, das du getragen!

Doch kann und wird es früher nicht geschehen,Bis mich das Volk mit ganzer Seele rief,Bis Alle, Alle fest zusammenstehen,Die da geeint der Arbeit Adelsbrief.Dann wird als Segen durch die Lande gehenEin ew‘ger Friede, wunderbar und tief!“Und eh‘ ein Wort der Staunende gefunden,War die Gestalt zerflossen und verschwunden.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1892
Digitalisat
de.wikisource.org — „Eine Vision“, Fassung 3.038.860 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Rudolf Lavant

Alle Gedichte von Rudolf Lavant ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.