Der Hünenstein
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
145 Zeilen in 19 Strophen · zuerst gedruckt 1909
(Eine westfälische Volkssage.)
Vom Mechtenberg der HüneSchloß einen FreundschaftsbundMit dem vom Tippelsberge,Die Sage gibt es kund.Gemeinsam hielten beideGelag’ und Kumpanei,Doch auch zur Arbeit kamenGemeinsam sie herbei. –
Sie buken und sie brautenBefreundet Brot und Bier,Der eine bei dem andern,Abwechselnd dort und hier.Und mußten neu sie backen,Derweil der Vorrat bar,So wurde Bäckermeister,An dem die Reihe war. –
Er schürte dann den OfenMit Scheiten klobig rauhUnd prüfte seine HitzeBedachtsam und genau.Und war der Ofen fertig,Zu heiß nicht und zu schal,Dann gab der wack’re HüneDem Freunde das Signal.
Doch nicht durch Hornesstoße,So wie es Roland pflog –Er kratzte nur die ResteDes Brotteigs aus dem Trog. –Doch klang’ auch dieses KratzenNicht ganz gelind’ und leis’,Die Hünenkraft, die starke,Gab ihm die rechte Weis’. –
Wie lauter Donner dröhnteWeit, weit hinaus der Schall,Der and’re aber hörteAuf seiner Burg den Hall.Er wußte, daß der OfenZum Einstich jetzt bereitUnd säumte nicht und brachteDas Brot zur rechten Zeit. –
So hatten sie seit JahrenZusammen treu geschafft,Da kam der Tag, der böse,Der alles fortgerafft. –Der ihrem FreundschaftsbundeJäh gab den Todesstoß –Und war die Ursach’ nichtigDie Wirkung sie war groß. –
Sie mußten wieder backen,Und treu nach dem VertragWar auf dem MechtenbergeFür diesmal Bäckertag. –Hier regten sich geschäftigSchon Herre und Gesind’,Doch auf dem TippelsbergeBlies nicht derselbe Wind. –
Verdrießlich war der HüneAm Morgen aufgewacht,Er hatte schwer gebechertAm Abend vor der Nacht. –Noch lag’s ihm in den GliedernWie Blei von dem Gelag’,Doch mußte er sich rühren,Weil heute Bäckertag. –
So kam’s, daß nicht von stattenIhm heut’ die Arbeit gingUnd trotz des vielen SchweißesDoch der Erfolg gering. –Daß ihm die Fäuste müde,Die Arme lahm und schlaff,Und daß der Teig noch immerNicht fertig war im Haff. –
Und plötzlich hallt ein DröhnenWie Donner durch die Luft –Das ist der Mechtenberger,Der ihn zum Einstich ruft.Nun darf er nimmer säumen,’s ist höchste Eile not,Und ob der Teig nicht fertig,Und wird gleich schlecht das Brot.
Und wieder hallt ein Dröhnen,Und stärker noch wie vor,Schon ist der Hüne draußen,Weit von des Schlosses Tor. –Und mißt er sonst die StreckeIn hundert Sprüngen ab,Heut’ werden’s kaum noch fünfzig,So läuft der Riese Trab. –
Noch nie zum MechtenbergeHat so sein Fuß gerannt,Doch war die Eile nutzlos,Wie er zu spät erkannt. –Noch war der Teig nicht fertig,Der Ofen nicht bereit,Er hätte warten könnenNoch stundenlange Zeit. –
„Warum“, brüllt er im Grimme,„Hast du mich so geneckt,Und an dem Trog gescharret,Wo nichts dahinter steckt? –Nun ist mein Brot verdorbenDurch deine Schuld allein,Warum gabst du das ZeichenLang’ vor dem Fertigsein?“ –
Da lacht der Mechtenberger,Daß fast das Zwerchfell platzt:„Ich hab’, weil es mich juckte,Die Rippen nur gekratzt. –Sonst ist kein Laut gekommenVon meiner Burg zu dir,Wenn and’res du vernommen,Was kann denn ich dafür?“ –
„Genug! Zu viel!“ Der TippelHat’s heiser nur gestöhnt,Dann ist er fortgestürmet,Daß laut die Halle dröhnt. –Und wiederum in SprüngenJagt er den Weg zurück,Doch stößt ihm jetzt die RacheDie Sporen ins Genick. –
Schon nah’ dem Tippelsberge,Hemmt plötzlich er den Lauf,Ein Felsblock liegt am Wege,Er hebt ihn grimmig aufUnd dann mit starkem Schwunge,Dem Hünen kracht’s Gebein,Fort schleudert er in LüftenDen ungeheuren Stein. –
Wär’ nicht sein Fuß gestrauchelt,Indem der Wurf geschah,Dann weh’ dem Mechtenberger!Das Unheil war’ ihm nah’. –Es hätte ihn zerschmettertDas riesige Geschoß,So aber schlug es niederNoch hart vor seinem Schloß. –
Das kündet uns die Sage –Auch liegt am WegesrainZu Ueckendorf noch heuteDer große Hünenstein. –Still zeugt der Felsenriese,Aus Tagen alt und grau,Noch von den EnakssöhnenIn uns’rem Heimatgau. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 29-33, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Hünenstein (Kämpchen)“, Fassung 4.637.102 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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