Das Bergmannselend
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
105 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1909
Wie Wehruf schallt es,Wie Klaggestöhne,Mit dumpfem RöchelnTief aus den GrüftenIm Bauch der Erde. –
Wer klagt, wer ruft daIn solchen Lauten,Verzweiflungsbangen,Entsetzensvollen,Aus Nacht und Oede –O sagt, wer ruft da? –
Voll Schaudern hör’ ich,Der Lichtgewohnte,Der Qualentrückte,Am SonnentageDie düstern Laute. –
Ich höre Wimmern,Ich höre Aechzen,Vermischt mit Flüchen,Mit wilden, grausen –Und Hohngelächter,Wie Spuk der Hölle,Wie der VerdammtenSchmerzhaft Gewinsel,Voll Wut und Ohnmacht.
Dazwischen dumpfesGepoch und Hämmern,Und Brechen, Fallen,Und Dröhnen, Knallen,Als ob DämoneAm Werk geschäftig. –Dann wieder FluchenUnd Qualgestöhne,Und gelles Lachen. –
Wer ist der Rufer?Ich frag’ es wieder,Im Erdengrunde,Im dunkeln, düstern,Wer ist der Rufer? –
O gebt mir KundeVon dem was unten,So fern vom Tage,Mit seinem GrollenDas Herz mir ängstigt. –
Und endlich, endlich –Aus Erdentiefen,Aus Nacht und Nebeln,Durch FelsenwändeKommt mir die Antwort:„Das Bergmannselend!“ –
Aus seinen Grüften,Aus seinen KlüftenZu dir am Tage,Du Lichtgewohnter,Du Kettenfreier,Schickt seine KlagenDer arme Bergmann. –
Im Dämmerdunkel,In Qualm und Brodem –(Du hörst sein Röcheln,Du hörst sein WimmernUnd seine Flüche,Tief, tief im Grunde) –Schafft der Helote. –
Ihn hält das Elend,Ihn hält der Hunger,Der Kampf um’s Dasein,Der grimme, wilde,Gebannt im Schachte. –
Dort in der Enge,In Dunst und Qualme,Entblößten Leibes,Nicht menschenwürdig,Gräbt er die Kohlen. –
An seinem Schweiße,An seinem Odem(Ihm stirbt die LungeVom Kohlenstaube)Wärmt sich der TagmenschIn Schloß und Hütte. –
So gräbt und schaufelt,So wühlt und scharretSich MaulwurfsgängeIm Bauch der ErdeDer arme Bergmann. –
Er vegetieret –Ein ElendsdaseinAn Leib und SeeleIm Frönerjoche –Er vegetieret. –
Doch nicht für immer! –Auch ihm, dem Maulwurf,Dem Erddurchwühler,Dem Lichtentwöhnten,Glüh’n schon der ZukunftRotgold’ne Lichter. –
Sein Jammern, Klagen,Sein Fluchen, Grollen,Wird bald verhallen. –Und aus den Grüften,Und aus den KlüftenSteigt er zu Tage,Zur Sonnenhelle,Ein Mensch zu Menschen,Mit Lieb und Hoffen. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 67-70, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Bergmannselend (Kämpchen)“, Fassung 3.523.586 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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