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Versbuch

An Madame de Warens

Frank Wedekind · 18641918

36 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Nimm dieses Bild, mit ihm die alte Treue,Das reine Herz, das einst sich dir geweiht.Vertrauensvoll erfleht es sich aufs neueNur einen Funken deiner Göttlichkeit.Noch ist der zarte Flor ja nicht zerrissen,Mit dem du mich in schöner Zeit umwobst,Darin du mich empor aus FinsternissenZum blauen Äther deiner Liebe hobst.Nun möcht’ an deiner Brust es wied’rum rastenUnd lauschen deiner Stimme weichem Klang;Die Melodien, die es dort erfaßten,Sie hallen fort noch manchen Sommer lang.

Die Welt ist überreich an Glück und Freuden,Doch reicher, hohe Königin, bist du.Du wagst die Schätze sorglos zu vergeuden,Die Andre hüten in besorgter Ruh.Und stets von neuem hast du reich zu gebenDes Gold’s, das deiner Seele Tiefen füllt.Wie manchen Schmerz in deiner Nächsten LebenHast du mit mildem Himmelstrost gestillt.Der Mensch verzweifelt unter schweren Qualen,Siecht hin und altert in Entmutigung,Da leuchten deines Auges warme StrahlenUnd der gebeugte Geist ist wieder jung.

Verlaß mich nicht; ich habe dir zu danken,Was schönes jetzt in meinem Herzen ruht.Der Flammenbecher, den vereint wir tranken,Goß laut’res Feuer in mein junges Blut.Verlaß mich nicht; mir lacht aus deinen ZügenMein Himmel, wenn du mir zur Seite stehst;Verlaß mich nicht, du würdest mich betrügenUm meinen Himmel, wenn du von mir gehst.Ich weiß nicht, was mir noch auf Erden bliebe;Mein Leben strömt aus deinem Augenlicht,Ich müßte sterben ohne deine Liebe,Du Himmelskönigin, verlaß mich nicht!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „An Madame de Warens“, Fassung 3.779.694 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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