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Versbuch

Dem bewußten „Einsiedler“

Rudolf Lavant · 18441915

65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(1890.)

Wär’ ich im Bann von Friedrichsruhe,Wär’ ich Besitzer von Varzin,Ich setzte mich auf meine TruheUnd hustete auf ganz Berlin.Er aber ist trotz seiner Orden –Was ihn zu solchem Thun nur treibt? –Zur Zeit ein – Journalist geworden,Der flott – Korrespondenzen schreibt.

Bedenklich war’s zu allen Zeiten,Auch für den „allerfrechsten Dachs,“Um Dinge sich herumzustreiten,Die einfach Sache des Geschmacks.Doch ich bedächte sicher heute,Daß einst ich selbst der Welt erzählt,Die Journalisten seien Leute,Die sämmtlich „den Beruf verfehlt.“

Ich würde ferner mich entsinnen,Daß ich, wie immer schroff und scharf,Von meines Kanzlerthumes ZinnenSie einst mit faulen Aepfeln warf,Daß zu der Rechten Hohngekicher,Vor Zeiten mir das Wort entfuhrVon „Existenzen,“ die da sicher„Catilinarischer Natur.“

Mir gegenwärtig würd’ ich halten,Daß leicht, wie jetzt die Sache steht,Man in der „schlechten Presse“ SpaltenDen Spieß herum behende dreht,Und daß dawider nichts zu machen,Seit mir abhanden – herber Gram! –Zugleich mit andern schönen SachenEin Stoß von Formularen kam.

Ich würde endlich auch bedenken,Daß lang dein Arm, moderner Staat,Und daß gar leicht hineinzusenkenEin abgesetzter Diplomat,Daß, wenn er schreibt, im HandumdrehenDas Strafgesetz sein Aermel streift,Daß, wie an Arnim wir gesehen,Er leichtlich in die Nesseln greift.

Nun denk’ ich mir’s entschieden ledernIn ländlich-stillem AufenthaltBei Nacht und Nebel aus den FedernGeholt zu werden mit Gewalt,Und vor Gericht mit ParagraphenZu balgen mich, die ungerührtSchon manchen hochgestellten BravenDen Hals bedächtig zugeschnürt.

Sie möchten zehnmal von mir munkeln,Ich injizire subkutan –Ich ließe ruhig das im DunkelnUnd ginge ruhig meine Bahn.Ob höhern Orts man in die SuppeMir spie und mich herunterriß –Mir wär’s an seiner Stelle schnuppeUnd klüger wäre das gewiß.

O wäre mein der Wald der Sachsen,Ich fragte nichts nach Gunst und HaßUnd ließe klüglich Schimmel wachsenAuf meinem großen Tintenfaß.Und hätt’ ich selber LangeweileIn meinem lieben Friedrichsruh –Ich schriebe dennoch keine Zeile!Warum, Freund Otto, nicht auch Du?

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Dem bewußten „Einsiedler““, Fassung 3.492.086 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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