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Versbuch

Der Apfel der Zwietracht

Heinrich Kämpchen · 18471912

68 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1909

Weltanschauung – mit dem WorteIst viel Humbug schon getrieben,Und noch immer, täglich, ständigBraucht man es zur Irreführung.

Ganz besonders sind’s die Knappen,Die man dadurch trennt und wirret,In zwei Lager feindlich spaltetUnd dem Gegner überliefert. –

Demagogisch braucht das Wort manZur fanatischen Verhetzung,Um die Macht der BergarbeiterLahmzulegen und zu brechen. –

Mag ein jeder doch anschauenSich die Welt, wie’s ihm beliebet,Und wer eine Welt des JenseitsNoch sich bildet – mag er’s tuen. –

Aber eben so in FreiheitSoll man auch den andern lassen,Der mit einer Welt des DiesseitsSich bescheiden schon begnüget. –

Und wenn er dafür verlanget,Daß der Proletar, der Knappe,Menschlich leben soll auf Erden,Ist zuviel es wohl gefordert? –

Muß nicht auch sein MitgeselleVon der andern WeltanschauungEssen, trinken hier auf ErdenUnd dem Staat die Steuern zahlen? –

Muß er nicht als LeidensbruderMit ihm scharren in den Klüften?Mit ihm hungern und verkümmern,Wenn sie nicht zusammenhalten? –

Ob und wenn auch AntipodenIn der Weltanschauung – beideSind doch treue KameradenIn der schauerlichen Tiefe. –

Droben aber, auf der Erde,Sollen sie sich meucheln, morden,(Bildlich brauchen wir die Worte)Eben um der Weltanschauung. –

Also fordern es die Macher,Die doch nichts dagegen haben,Daß die lieben WerksbesitzerGanz die gleiche Sünde üben. –

Einig halten da zusammen,Um den Bergmann auszubeuten,Christen mit den Juden, Heiden,Katholik und Protestante. –

Keiner ist, der ihnen predigt:Müßt euch trennen und zerklüftenAuch in Christen und Nichtchristen,Also will’s die Weltanschauung. –

Keiner – nur dem guten BergmannWird es täglich vorgeorgelt,Ihm allein ist es vonnötenSich zu schützen vor der Fährnis. –

Und die Lehre? – Mag doch jederWie er will die Welt anschauen,Aber in dem Kampfe, Knappen,Seid ein ungeteiltes Ganze. –

Wie in Nächten, so am Tage,Sollt ihr treu zusammenhalten,Ohne Unterschied des Glaubens,Einig, einig wie die Gegner. –

Dann, nur dann, kommt ihr zum Siege,Aber laßt ihr euch zerspaltenMit dem Weltanschauungs-Köder,Bleibt ihr immer die Geleimten. –

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Was die Ruhr mir sang, S. 146–148, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Apfel der Zwietracht (Kämpchen)“, Fassung 2.911.827 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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