Radbod
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
59 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1909
(Ein Nachtstück.)
Dräuend, ein Ungetüm,Reckt der Schachtturm seine EisenstirnZum Nachthimmel. –Um ihm, von ihmGlimmt’s wie Totenlicht,Wie Phosphorgefunkel,Wie Dunst der Verwesung. –Ein Beinhaus - riesig, ungeheuer –(Sarkophag und Mausoleum)Liegt der Schacht da,Und die Nacht hockt darauf. –Sie, die Nacht,Wittert den Leichenduft,Der daraus emporsteigt,Feucht, nebelhaft,Wie die Hyäne den Grabesodem,Und schlürft ihn mit Wollust. –Radbod und Nacht! –Grauen zu Grauen,Sie gatten sich. –Und die Fäule im Erdbauch,Als Genossin sich zugesellend,Speit ihren GifthauchAus Kluft und Spalt –Odeur für Gespenster. –Aber das ist es nicht,Was die Nacht birgtMit ihrem Mantel,Dem dichten. –Sie, die da unten liegen,Unter Trümmern und Schutt,Die Toten von Radbod,Sind doch nicht tot! –Wenn der Tag schläft,Wenn die Nacht brütet,Bei Schweigen und OedeWerden die Stimmen der Tiefe wach,Leben die Toten. –Sie winseln und wimmern nicht,Sie klagen und jammern nicht,Sie heischen Gericht,Sie fordern Sühne. –Und immer neuUnd immer wieder,So lange ihr säumet,Wird aus der TiefeDie Mahnung kommen:Gebt Recht den Toten!– – – – – – – – – – – –So ruft es heute,So wird es immerIn Zukunft rufen,Wenn auf dem Schachte,Dem gottverfluchten,Dem „Mörder“ Radbod,Die Nacht sich lagert,Die graue Riesin:Gebt Recht den Toten! –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 60-61, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Radbod (Kämpchen)“, Fassung 1.103.928 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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