Die neunte Elegie
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
80 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1923
WARUM, wenn es angeht, also die Frist des Daseinshinzubringen, als Lorbeer, ein wenig dunkler als allesandere Grün, mit kleinen Wellen an jedemBlattrand (wie eines Windes Lächeln) –: warum dannMenschliches müssen – und, Schicksal vermeidend,sich sehnen nach Schicksal?…O, nicht, weil Glück ist,dieser voreilige Vorteil eines nahen Verlusts.Nicht aus Neugier, oder zur Übung des Herzens,das auch im Lorbeer wäre.....Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbaralles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, dasseltsam uns angeht. Uns, die Schwindendsten. Einmaljedes, nur einmal. Einmal und nicht mehr. Und wir aucheinmal. Nie wieder. Aber dieseseinmal gewesen zu sein, wenn auch nur einmal:irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.
Und so drängen wir uns und wollen es leisten,wollens enthalten in unsern einfachen Händen,im überfüllteren Blick und im sprachlosen Herzen.Wollen es werden. Wem es geben? Am liebstenalles behalten für immer… Ach, in den andern Bezug,wehe, was nimmt man hinüber? Nicht das Anschaun, das hierlangsam erlernte, und kein hier Ereignetes. Keins.Also die Schmerzen. Also vor allem das Schwersein,also der Liebe lange Erfahrung, – alsolauter Unsägliches. Aber später,
unter den Sternen, was solls: die sind besser unsäglich.Bringt doch der Wanderer auch vom Hange des Bergrandsnicht eine Hand voll Erde ins Tal, die allen unsägliche, sondernein erworbenes Wort, reines, den gelben und blaunEnzian. Sind wir vielleicht hier, um zu sagen: Haus,Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster, –höchstens: Säule, Turm… aber zu sagen, verstehs,o zu sagen so, wie selber die Dinge niemalsinnig meinten zu sein. Ist nicht die heimliche Listdieser verschwiegenen Erde, wenn sie die Liebenden drängt,daß sich in ihrem Gefühl jedes und jedes entzückt?Schwelle: was ists für zweiLiebende, daß sie die eigne ältere Schwelle der Türein wenig verbrauchen, auch sie, nach den vielen vorherund vor den künftigen…, leicht.Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine Heimat.Sprich und bekenn. Mehr als jefallen die Dinge dahin, die erlebbaren, denn,was sie verdrängend ersetzt, ist ein Tun ohne Bild.Tun unter Krusten, die willig zerspringen, sobaldinnen das Handeln entwächst und sich anders begrenzt.Zwischen den Hämmern bestehtunser Herz, wie die Zungezwischen den Zähnen, die doch,dennoch die preisende bleibt.
Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihmkannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling, drum zeig
ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,als ein Unsriges lebt neben der Hand und im Blick.Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standestbei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil.Zeig ihm, wie glücklich ein Ding sein kann, wie schuldlos und unser,wie selbst das klagende Leid rein zur Gestalt sich entschließt,dient als ein Ding, oder stirbt in ein Ding –, und jenseitsselig der Geige entgeht. Und diese, von Hinganglebenden Dinge verstehn, daß du sie rühmst; vergänglich,traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten, zu.Wollen, wir sollen sie ganz im unsichtbarn Herzen verwandelnin – o unendlich – in uns! wer wir am Ende auch seien.
Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbarin uns erstehn? – Ist es dein Traum nicht,einmal unsichtbar zu sein? – Erde! unsichtbar!Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?Erde, du liebe, ich will. O glaub, es bedürftenicht deiner Frühlinge mehr, mich dir zu gewinnen, einer,ach, ein einziger ist schon dem Blute zu viel.Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.Immer warst du im Recht, und dein heiliger Einfallist der vertrauliche Tod.Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunftwerden weniger..... Überzähliges Daseinentspringt mir im Herzen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Duineser Elegien S. 33–35, Erste Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1923
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die neunte Elegie“, Fassung 3.541.635 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.