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Versbuch

Die dritte Elegie

Rainer Maria Rilke · 18751926

85 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1923

EINES ist, die Geliebte zu singen. Ein anderes, wehe,jenen verborgenen schuldigen Fluß-Gott des Bluts.Den sie von weitem erkennt, ihren Jüngling, was weiß erselbst von dem Herren der Lust, der aus dem Einsamen oft,ehe das Mädchen noch linderte, oft auch als wäre sie nicht,ach, von welchem Unkenntlichen triefend, das Gotthauptaufhob, aufrufend die Nacht zu unendlichem Aufruhr.O des Blutes Neptun, o sein furchtbarer Dreizack.O der dunkele Wind seiner Brust aus gewundener Muschel.Horch, wie die Nacht sich muldet und höhlt. Ihr Sterne,stammt nicht von euch des Liebenden Lust zu dem Antlitzseiner Geliebten? Hat er die innige Einsichtin ihr reines Gesicht nicht aus dem reinen Gestirn?

Du nicht hast ihm, wehe, nicht seine Mutterhat ihm die Bogen der Brau’n so zur Erwartung gespannt.Nicht an dir, ihn fühlendes Mädchen, an dir nichtbog seine Lippe sich zum fruchtbarern Ausdruck.Meinst du wirklich, ihn hätte dein leichter Auftrittalso erschüttert, du, die wandelt wie Frühwind?Zwar du erschrakst ihm das Herz; doch ältere Schreckenstürzten in ihn bei dem berührenden Anstoß.Ruf ihn... du rufst ihn nicht ganz aus dunkelem Umgang.Freilich, er will, er entspringt; erleichtert gewöhnt ersich in dein heimliches Herz und nimmt und beginnt sich.Aber begann er sich je?Mutter, du machtest ihn klein, du warsts, die ihn anfing;dir war er neu, du beugtest über die neuen

Augen die freundliche Welt und wehrtest der fremden.Wo, ach, hin sind die Jahre, da du ihm einfachmit der schlanken Gestalt wallendes Chaos vertratst?Vieles verbargst du ihm so; das nächtlich verdächtige Zimmermachtest du harmlos, aus deinem Herzen voll Zufluchtmischtest du menschlichern Raum seinem Nacht-Raum hinzu.Nicht in die Finsternis, nein, in dein näheres Daseinhast du das Nachtlicht gestellt, und es schien wie aus Freundschaft.Nirgends ein Knistern, das du nicht lächelnd erklärtest,so als wüßtest du längst, wann sich die Diele benimmt...Und er horchte und linderte sich. So vieles vermochtezärtlich dein Aufstehn; hinter den Schrank trathoch im Mantel sein Schicksal, und in die Falten des Vorhangspaßte, die leicht sich verschob, seine unruhige Zukunft.

Und er selbst, wie er lag, der Erleichterte, unterschläfernden Lidern deiner leichten GestaltungSüße lösend in den gekosteten Vorschlaf –:schien ein Gehüteter... Aber innen: wer wehrte,hinderte innen in ihm die Fluten der Herkunft?Ach, da war keine Vorsicht im Schlafenden; schlafend,aber träumend, aber in Fiebern: wie er sich einließ.Er, der Neue, Scheuende, wie er verstrickt war,mit des innern Geschehns weiterschlagenden Rankenschon zu Mustern verschlungen, zu würgendem Wachstum, zu tierhaftjagenden Formen. Wie er sich hingab –. Liebte.Liebte sein Inneres, seines Inneren Wildnis,diesen Urwald in ihm, auf dessen stummem Gestürztseinlichtgrün sein Herz stand. Liebte. Verließ es, ging dieeigenen Wurzeln hinaus in gewaltigen Ursprung,

wo seine kleine Geburt schon überlebt war. Liebendstieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten,wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern. Und jedesSchreckliche kannte ihn, blinzelte, war wie verständigt.Ja, das Entsetzliche lächelte... Seltenhast du so zärtlich gelächelt, Mutter. Wie sollteer es nicht lieben, da es ihm lächelte. Vor dirhat ers geliebt, denn, da du ihn trugst schon,war es im Wasser gelöst, das den Keimenden leicht macht.Siehe, wir lieben nicht, wie die Blumen, aus einemeinzigen Jahr; uns steigt, wo wir lieben,unvordenklicher Saft in die Arme. O Mädchen,dies: daß wir liebten in uns, nicht Eines, ein Künftiges, sonderndas zahllos Brauende; nicht ein einzelnes Kind,sondern die Väter, die wie Trümmer Gebirgsuns im Grunde beruhn; sondern das trockene Flußbetteinstiger Mütter –; sondern die ganzelautlose Landschaft unter dem wolkigen oderreinen Verhängnis –: dies kam dir, Mädchen, zuvor.

Und du selber, was weißt du –, du locktestVorzeit empor in dem Liebenden. Welche Gefühlewühlten herauf aus entwandelten Wesen. WelcheFrauen haßten dich da. Was für finstere Männerregtest du auf im Geäder des Jünglings? ToteKinder wollten zu dir... O leise, leise,tu ein liebes vor ihm, ein verläßliches Tagwerk, – führ ihnnah an den Garten heran, gib ihm der NächteÜbergewicht......Verhalt ihn......

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Duineser Elegien S. 14–16, Erste Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1923
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die dritte Elegie“, Fassung 3.489.079 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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