Die siebente Elegie
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
93 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1923
WERBUNG nicht mehr, nicht Werbung, entwachsene Stimme,sei deines Schreies Natur; zwar schrieest du rein wie der Vogel,wenn ihn die Jahreszeit aufhebt, die steigende, beinah vergessend,daß er ein kümmerndes Tier und nicht nur ein einzelnes Herz sei,das sie ins Heitere wirft, in die innigen Himmel. Wie er, sowürbest du wohl, nicht minder –, daß, noch unsichtbar,dich die Freundin erführ, die stille, in der eine Antwortlangsam erwacht und über dem Hören sich anwärmt, –deinem erkühnten Gefühl die erglühte Gefühlin.O und der Frühling begriffe –, da ist keine Stelle,die nicht trüge den Ton Verkündigung. Erst jenen kleinenfragenden Auflaut, den mit steigernder Stilleweithin umschweigt ein reiner, bejahender Tag.Dann die Stufen hinan, Ruf-Stufen hinan zum geträumtenTempel der Zukunft –; dann den Triller, Fontäne,die zu dem drängenden Strahl schon das Fallen zuvornimmtim versprechlichen Spiel… Und vor sich, den Sommer.Nicht nur die Morgen alle des Sommers –, nicht nurwie sie sich wandeln in Tag und strahlen vor Anfang.Nicht nur die Tage, die zart sind um Blumen, und oben,um die gestalteten Bäume, stark und gewaltig.Nicht nur die Andacht dieser entfalteten Kräfte,nicht nur die Wege, nicht nur die Wiesen im Abend,nicht nur, nach spätem Gewitter, das atmende Klarsein,nicht nur der nahende Schlaf und ein Ahnen, abends…sondern die Nächte! Sondern die hohen, des Sommers,Nächte, sondern die Sterne, die Sterne der Erde.O einst tot sein und sie wissen unendlich,
alle die Sterne: denn wie, wie, wie sie vergessen!
Siehe, da rief ich die Liebende. Aber nicht sie nurkäme… Es kämen aus schwächlichen GräbernMädchen und ständen… Denn, wie beschränk ich,wie, den gerufenen Ruf? Die Versunkenen suchenimmer noch Erde. – Ihr Kinder, ein hiesigeinmal ergriffenes Ding gälte für viele.Glaubt nicht, Schicksal sei mehr als das Dichte der Kindheit;wie überholtet ihr oft den Geliebten, atmend,atmend nach seligem Lauf, auf nichts zu, ins Freie.Hiersein ist herrlich. Ihr wußtet es, Mädchen, ihr auch,die ihr scheinbar entbehrtet, versankt –, ihr, in den ärgstenGassen der Städte, Schwärende, oder dem Abfalloffene. Denn eine Stunde war jeder, vielleicht nichtganz eine Stunde, ein mit den Maßen der Zeit kaumMeßliches zwischen zwei Weilen, da sie ein Daseinhatte. Alles. Die Adern voll Dasein.Nur, wir vergessen so leicht, was der lachende Nachbaruns nicht bestätigt oder beneidet. Sichtbarwollen wirs heben, wo doch das sichtbarste Glück unserst zu erkennen sich gibt, wenn wir es innen verwandeln.Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. UnserLeben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringerschwindet das Außen. Wo einmal ein dauerndes Haus war,schlägt sich erdachtes Gebild vor, quer, zu Erdenklichemvöllig gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne.Weite Speicher der Kraft schafft sich der Zeitgeist, gestaltloswie der spannende Drang, den er aus allem gewinnt.
Tempel kennt er nicht mehr. Diese, des Herzens, Verschwendungsparen wir heimlicher ein. Ja, wo noch eins übersteht,ein einst gebetetes Ding, ein gedientes, geknietes –,hält es sich, so wie es ist, schon ins Unsichtbare hin.Viele gewahrens nicht mehr, doch ohne den Vorteil,daß sie’s nun innerlich baun, mit Pfeilern und Statuen, größer!
Jede dumpfe Umkehr der Welt hat solche Enterbte,denen das Frühere nicht und noch nicht das Nächste gehört.Denn auch das Nächste ist weit für die Menschen. Uns solldies nicht verwirren; es stärke in uns die Bewahrungder noch erkannten Gestalt. Dies stand einmal unter Menschen,mitten im Schicksal stands, im vernichtenden, mittenim Nichtwissen-Wohin stand es, wie seiend, und bogSterne zu sich aus gesicherten Himmeln. Engel,dir noch zeig ich es, da! in deinem Anschaunsteh es gerettet zuletzt, nun endlich aufrecht.Säulen, Pylone, der Sphinx, das strebende Stemmen,grau aus vergehender Stadt oder aus fremder, des Doms.War es nicht Wunder? O staune, Engel, denn wir sinds,wir, o du Großer, erzähls, daß wir solches vermochten, mein Atemreicht für die Rühmung nicht aus. So haben wir dennochnicht die Räume versäumt, diese gewährenden, diese,unsere Räume. (Was müssen sie fürchterlich groß sein,da sie Jahrtausende nicht unseres Fühlns überfülln.)Aber ein Turm war groß, nicht wahr? O Engel, er war es, –groß, auch noch neben dir? Chartres war groß – und Musikreichte noch weiter hinan und überstieg uns. Doch selbst nureine Liebende, o, allein am nächtlichen Fenster…
reichte sie dir nicht ans Knie –?Glaub nicht, daß ich werbe.Engel, und würb ich dich auch! Du kommst nicht. Denn meinAnruf ist immer voll Hinweg; wider so starkeStrömung kannst du nicht schreiten. Wie ein gestreckterArm ist mein Rufen. Und seine zum Greifenoben offene Hand bleibt vor diroffen, wie Abwehr und Warnung,Unfaßlicher, weit auf.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Duineser Elegien S. 26–29, Erste Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1923
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die siebente Elegie“, Fassung 3.574.849 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.