Die Spitze
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
29 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1907
I
Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze,noch unbestätigter Bestand von Glück:ist das unmenschlich, daß zu dieser Spitze,zu diesem kleinen dichten Spitzenstückzwei Augen wurden? — Willst du sie zurück?
Du Langvergangene und schließlich Blinde,ist deine Seligkeit in diesem Ding,zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde,dein großes Fühlen, kleinverwandelt, ging?
Durch einen Riß im Schicksal, eine Lückeentzogst du deine Seele deiner Zeit;und sie ist so in diesem lichten Stückedaß es mich lächeln macht vor Nützlichkeit.
II
Und wenn uns eines Tages dieses Tunund was an uns geschieht gering erschieneund uns so fremd, als ob nicht verdiene,daß wir so mühsam aus den Kinderschuhnum seinetwillen wachsen —: Ob die Bahnvergilbter Spitze, diese dichtgefügteblumige Spitzenbahn, dann nicht genügte,uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan.
Ein Leben ward vielleicht verschmäht, wer weiß?Ein Glück war da und wurde hingegeben,und endlich wurde doch, um jeden Preis,dies Ding daraus, nicht leichter als das Lebenund doch vollendet und so schön als sei’snicht mehr zu früh zu lächeln und zu schweben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 47, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Spitze“, Fassung 3.781.044 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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