Die Parke
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
122 Zeilen in 25 Strophen · zuerst gedruckt 1918
IUnaufhaltsam heben sich die Parkeaus dem sanft zerfallenden Vergehn;überhäuft mit Himmeln, überstarkeÜberlieferte, die überstehn,
um sich auf den klaren Rasenplänenauszubreiten und zurückzuziehn,immer mit demselben souveränenAufwand, wie beschützt durch ihn,
und den unerschöpflichen Erlösköniglicher Größe noch vermehrend,aus sich steigend, in sich wiederkehrend:huldvoll, prunkend, purpurn und pompös.
IILeise von den Alleenergriffen, rechts und links,folgend dem Weitergehenirgendeines Winks,
trittst du mit einem Malein das Beisammenseineiner schattigen Wasserschalemit vier Bänken aus Stein;
in eine abgetrennteZeit, die allein vergeht.Auf feuchte Postamente,auf denen nichts mehr steht,
hebst du einen tiefenerwartenden Atemzug;während das silberne Triefenvor dem dunkeln Bug
dich schon zu den Seinenzählt und weiterspricht.Und du fühlst dich unter Steinen,die hören, und rührst dich nicht.
IIIDen Teichen und den eingerahmten Weihernverheimlicht man noch immer das Verhörder Könige. Sie warten unter Schleiern,und jeden Augenblick kann Monseigneur
vorüberkommen; und dann wollen siedes Königs Laune oder Trauer mildernund von den Marmorrändern wieder dieTeppiche mit alten Spiegelbildern
hinunterhängen, wie um einen Platz:auf grünem Grund, mit Silber, Rosa, Grau,gewährtem Weiß und leicht gerührtem Blauund einem Könige und einer Frauund Blumen in dem wellenden Besatz.
IVUnd Natur, erlaucht und als verletzesie nur unentschloßnes Ungefähr,nahm von diesen Königen Gesetze,selber selig, um den Tapis-vert
ihrer Bäume Traum und Übertreibungaufzutürmen aus gebauschtem Grünund die Abende nach der Beschreibungvon Verliebten in die Avenün
einzumalen mit dem weichen Pinsel,der ein firnisklares aufgelöstesLächeln glänzend zu enthalten schien:
der Natur ein liebes, nicht ihr größtes,aber eines, das sie selbst verliehn,um auf rosenvoller Liebes-Inseles zu einem größern aufzuziehn.
VGötter von Alleen und Altanen,niemals ganzgeglaubte Götter, diealtern in den gradbeschnittnen Bahnen,höchstens angelächelte Dianen,wenn die königliche Venerie
wie ein Wind die hohen Morgen teilendaufbrach, übereilt und übereilend —;höchstens angelächelte, doch nie
angeflehte Götter. ElegantePseudonyme, unter denen mansich verbarg und blühte oder brannte, —leichtgeneigte, lächelnd angewandteGötter, die noch manchmal dann und wann
das gewähren, was sie einst gewährten,wenn das Blühen der entzückten Gärtenihnen ihre kalte Haltung nimmt;wenn sie ganz von ersten Schatten bebenund Versprechen um Versprechen geben,alle unbegrenzt und unbestimmt.
VIFühlst du, wie keiner von allenWegen steht und stockt;von gelassenen Treppen fallen,durch ein Nichts von Neigungleise weitergelockt,über alle Terrassendie Wege, zwischen den Massenverlangsamt und gelenkt,bis zu den weiten Teichen,wo sie (wie einem Gleichen)der reiche Park verschenkt
an den reichen Raum: den Einen,der mit Scheinen und Widerscheinenseinen Besitz durchdringt,aus dem er von allen SeitenWeiten mit sich bringt,wenn er aus schließenden Weihernzu wolkigen Abendfeiernsich in die Himmel schwingt.
VIIAber Schalen sind, drin der NajadenSpiegelbilder, die sie nicht mehr baden,wie ertrunken liegen, sehr verzerrt;die Alleen sind durch Balustradenin der Ferne wie versperrt.
Immer geht ein feuchter Blätterfalldurch die Luft hinunter wie auf Stufen,jeder Vogelruf ist wie verrufen,wie vergiftet jede Nachtigall.
Selbst der Frühling ist da nicht mehr gebend,diese Büsche glauben nicht an ihn;ungern duftet trübe, überlebendabgestandener Jasmin
alt und mit Zerfallendem vermischt.Mit dir weiter rückt ein Bündel Mücken,so als würde hinter deinem Rückenalles gleich vernichtet und verwischt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 65-71, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Parke“, Fassung 3.543.353 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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