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Versbuch

Die sechste Elegie

Rainer Maria Rilke · 18751926

45 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1923

FEIGENBAUM, seit wie lange schon ists mir bedeutend,wie du die Blüte beinah ganz überschlägstund hinein in die zeitig entschlossene Frucht,ungerühmt, drängst dein reines Geheimnis.Wie der Fontäne Rohr treibt dein gebognes Gezweigabwärts den Saft und hinan: und er springt aus dem Schlaf,fast nicht erwachend, ins Glück seiner süßesten Leistung.Sieh: wie der Gott in den Schwan.…… Wir aber verweilen,ach, uns rühmt es zu blühn, und ins verspätete Innreunserer endlichen Frucht gehn wir verraten hinein.Wenigen steigt so stark der Andrang des Handelns,daß sie schon anstehn und glühn in der Fülle des Herzens,wenn die Verführung zum Blühn wie gelinderte Nachtluftihnen die Jugend des Munds, ihnen die Lider berührt:Helden vielleicht und den frühe Hinüberbestimmten,denen der gärtnernde Tod anders die Adern verbiegt.Diese stürzen dahin: dem eigenen Lächelnsind sie voran, wie das Rossegespann in den mildenmuldigen Bildern von Karnak dem siegenden König.

Wunderlich nah ist der Held doch den jugendlich Toten. Dauernficht ihn nicht an. Sein Aufgang ist Dasein; beständignimmt er sich fort und tritt ins veränderte Sternbildseiner steten Gefahr. Dort fänden ihn wenige. Aber,das uns finster verschweigt, das plötzlich begeisterte Schicksalsingt ihn hinein in den Sturm seiner aufrauschenden Welt.Hör ich doch keinen wie ihn. Auf einmal durchgeht mich

mit der strömenden Luft sein verdunkelter Ton.

Dann, wie verbärg ich mich gern vor der Sehnsucht: O wär ich,wär ich ein Knabe und dürft es noch werden und säßein die künftigen Arme gestützt und läse von Simson,wie seine Mutter erst nichts und dann alles gebar.

War er nicht Held schon in dir, o Mutter, begann nichtdort schon, in dir, seine herrische Auswahl?Tausende brauten im Schooß und wollten er sein,aber sieh: er ergriff und ließ aus, wählte und konnte.Und wenn er Säulen zerstieß, so wars, da er ausbrachaus der Welt deines Leibs in die engere Welt, wo er weiterwählte und konnte. O Mütter der Helden,o Ursprung reißender Ströme! Ihr Schluchten, in die sichhoch von dem Herzrand, klagend,schon die Mädchen gestürzt, künftig die Opfer dem Sohn.Denn hinstürmte der Held durch Aufenthalte der Liebe,jeder hob ihn hinaus, jeder ihn meinende Herzschlag,abgewendet schon, stand er am Ende der Lächeln, anders.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Duineser Elegien S. 24–25, Erste Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1923
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die sechste Elegie“, Fassung 3.573.891 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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