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Versbuch

Die Rosenschale

Rainer Maria Rilke · 18751926

72 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1907

Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knabenzu einem Etwas sich zusammenballen,das Haß war und sich auf der Erde wälztewie ein von Bienen überfallnes Tier;Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber,rasende Pferde, die zusammenbrachen,den Blick wegwerfend, bläkend das Gebißals schälte sich der Schädel aus dem Maule.

Nun aber weißt du, wie sich das vergißt:denn vor dir steht die volle Rosenschale,die unvergeßlich ist und angefülltmit jenem Äußersten von Sein und Neigen,Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn,das unser sein mag: Äußerstes auch uns.

Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,Raum-brauchen ohne Raum von jenem Raumzu nehmen, den die Dinge rings verringern,fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartesund lauter Inneres, viel seltsam Zartesund Sich-bescheinendes bis an den Rand:ist irgend etwas uns bekannt wie dies?Und dann wie dies: daß ein Gefühl entsteht,weil Blütenblätter Blütenblätter rühren?

Und dies: daß eins sich aufschlägt wie ein Lid,und drunter liegen lauter Augenlider,geschlossene, als ob sie zehnfach schlafendzu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft.Und dies vor allem: daß durch diese Blätterdas Licht hindurch muß. Aus den tausend Himmelnfiltern sie langsam jenen Tropfen Dunkel,in dessen Feuerschein das wirre Bündelder Staubgefäße sich erregt und aufbäumt.

Und die Bewegung in den Rosen, sieh:Gebärden von so kleinem Ausschlagswinkel,daß sie unsichtbar blieben, liefen ihreStrahlen nicht auseinander in das Weltall.

Sieh jene weiße, die sich selig aufschlugund dasteht in den großen offnen Blätternwie eine Venus aufrecht in der Muschel;und die errötende, die wie verwirrtnach einer kühlen sich hinüberwendet,und wie die kühle fühllos sich zurückzieht,und wie die kalte steht, in sich gehüllt,unter den offenen, die alles abtun.Und was sie abtun, wie das leicht und schwer,wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügelund eine Maske sein kann, je nach dem,und wie sie’s abtun: wie vor dem Geliebten.

Was können sie nicht sein: war jene gelbe,die hohl und offen daliegt, nicht die Schalevon einer Frucht, darin dasselbe Gelb,gesammelter, orangeröter, Saft war?Und war’s für diese schon zu viel, das Aufgehn,weil an der Luft ihr namenloses Rosaden bittern Nachgeschmack des Lila annahm?Und die batistene ist sie kein Kleid,in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,

mit dem zugleich es abgeworfen wurdeim Morgenschatten an dem alten Waldbad?Und diese hier, opalnes Porzellan,zerbrechlich, eine flache Chinatasseund angefüllt mit kleinen hellen Faltern, —und jene da, die nichts enthält als sich.

Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußenund Wind und Regen und Geduld des Frühlingsund Schuld und Unruh und vermummtes Schicksalund Dunkelheit der abendlichen Erdebis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,bis auf den vagen Einfluß ferner Sternein eine Hand voll Innres zu verwandeln.

Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 99, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Rosenschale“, Fassung 3.780.577 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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