Die Kathedrale
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
29 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1907
In jenen kleinen Städten wo herumdie alten Häuser wie ein Jahrmarkt hocken,der sie bemerkt hat plötzlich und erschrockendie Buden zumacht und ganz zu und stumm,
die Schreier still, die Trommeln angehalten,zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs —:dieweil sie ruhig immer in dem altenFaltenmantel ihrer Contrefortsdasteht und von den Häusern gar nicht weiß:
in jenen kleinen Städten kannst du sehnwie sehr entwachsen ihrem Umgangskreisdie Kathedralen waren. Ihr Erstehnging über alles fort, so wie den Blickdes eignen Lebens viel zu große Nähefortwährend übersteigt und als geschähenichts anderes; als wäre das Geschick,was sich in ihnen aufhäuft ohne Maßenversteinert und zum Dauernden bestimmt,nicht das, was unten in den dunkeln Straßenvom Zufall irgendwelche Namen nimmtund darin geht, wie Kinder Grün und Rotund was der Krämer hat als Schürze tragen.Da war Geburt in diesen Unterlagenund Kraft und Andrang war in diesem Ragenund Liebe überall wie Wein und Brot,und die Portale voller Liebesklagen.Das Leben zögerte im Stundenschlagen,und in den Türmen, welche voll Entsagenauf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 26, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Kathedrale“, Fassung 3.514.309 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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