Zum Inhalt springen
Versbuch

Die Konfirmanden

Rainer Maria Rilke · 18751926

33 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1906

(Paris, im Mai 1903)

In weißen Schleiern gehn die Konfirmandentief in das neue Grün der Gärten ein.Sie haben ihre Kindheit überstanden,und was jetzt kommt wird anders sein.

O kommt es denn! Beginnt jetzt nicht die Pause,das Warten auf den nächsten Stundenschlag?Das Fest ist aus, und es wird laut im Hause,und trauriger vergeht der Nachmittag ...

Das war ein Aufstehn zu dem weißen Kleideund dann durch Gassen ein geschmücktes Gehnund eine Kirche, innen kühl wie Seide,und lange Kerzen waren wie Alleen,und alle Lichter schienen wie Geschmeide,von feierlichen Augen angesehn.

Und es war still als der Gesang begann:Wie Wolken stieg er in der Wölbung anund wurde hell im Niederfall; und linderdenn Regen fiel er in die weißen Kinder.Und wie im Wind bewegte sich ihr Weiß,und wurde leise bunt in seinen Faltenund schien verborgne Blumen zu enthalten –:Blumen und Vögel, Sterne und Gestaltenaus einem alten fernen Sagenkreis.Und draußen war ein Tag aus Blau und Grünmit einem Ruf von Rot an hellen Stellen.Der Teich entfernte sich in kleinen Wellen,und mit dem Winde kam ein fernes Blühnund sang von Gärten draußen vor der Stadt.

Es war als ob die Dinge sich bekränzten,sie standen licht, unendlich leicht besonnt;ein Fühlen war in jeder Häuserfront,und viele Fenster gingen auf und glänzten.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Das Buch der Bilder 1. Buch Teil 1, S. 31–32, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Konfirmanden“, Fassung 2.357.735 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Rainer Maria Rilke

Alle Gedichte von Rainer Maria Rilke ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.