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Versbuch

Béguinage

Rainer Maria Rilke · 18751926

45 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1907

BÉGUINAGE SAINTE-ELISABETH, BRÜGGE

I

Das hohe Tor scheint keine einzuhalten,die Brücke geht gleich gerne hin und her,und doch sind sicher alle in dem altenoffenen Ulmenhof und gehn nicht mehraus ihren Häusern, als auf jenem Streifenzur Kirche hin, um besser zu begreifenwarum in ihnen so viel Liebe war.

Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinenso gleich, als wäre nur das Bild der einentausendmal im Choral, der tief und klarzu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern;und ihre Stimmen gehn den immer steilernGesang hinan und werfen sich von dort,wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort,den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.

Drum sind die unten, wenn sie sich erhebenund wenden, still. Drum reichen sie sich schweigendmit einem Neigen, Zeigende zu zeigendEmpfangenden, geweihtes Wasser, dasdie Stirnen kühl macht und die Munde blaß.

Und gehen dann, verhangen und verhalten,auf jenem Streifen wieder überquer —die Jungen ruhig, ungewiß die Altenund eine Greisin, weilend, hinterher —zu ihren Häusern, die sie schnell verschweigen,und die sich durch die Ulmen hin von Zeitzu Zeit ein wenig reine Einsamkeit,in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.

II

Was aber spiegelt mit den tausend Scheibendas Kirchenfenster in den Hof hinein,darin sich Schweigen, Schein und Widerscheinvermischen, trinken, trüben, übertreibenphantastisch alternd wie ein alter Wein.

Dort legt sich, keiner weiß von welcher Seite,Außen auf Inneres und Ewigkeitauf Immer-Hingehn, Weite über Weiteerblindend, finster, unbenutzt, verbleit.

Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekordes Sommertags, das Graue alter Winter:als stünde regungslos ein sanftgesinnterlangmütig lange Wartender dahinterund eine weinend Wartende davor.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 79, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Béguinage“, Fassung 3.780.204 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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