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Versbuch

Die Liebende

Rainer Maria Rilke · 18751926

25 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1918

Das ist mein Fenster. Ebenbin ich so sanft erwacht.Ich dachte, ich würde schweben.Bis wohin reicht mein Leben,und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alleswäre noch ich ringsum;durchsichtig wie eines KristallesTiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sternefassen in mir; so großscheint mir mein Herz; so gerneließ es ihn wieder los,

den ich vielleicht zu lieben,vielleicht zu halten begann.Fremd wie niebeschriebensieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter dieseUnendlichkeit gelegt,duftend wie eine Wiese,hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange,daß einer den Ruf vernimmtund zum Untergangein einem andern bestimmt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 91-92, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Liebende“, Fassung 3.533.985 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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