Zum Inhalt springen
Versbuch

Die Marien-Prozession

Rainer Maria Rilke · 18751926

40 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1907

GENT

Aus allen Türmen stürzt sich, Fluß um Fluß,hinwallendes Metall in solchen Massenals sollte drunten in der Form der Gassenein blanker Tag erstehn aus Bronzeguß,

an dessen Rand, gehämmert und erhaben,zu sehen ist der buntgebundne Zugder leichten Mädchen und der neuen Knaben,und wie er Wellen schlug und trieb und trug,hinabgehalten von dem ungewissenGewicht der Fahnen und von Hindernissengehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;

und drüben plötzlich beinah mitgerissenvom Aufstieg aufgescheuchter Räucherbecken,die fliegend, alle sieben, wie im Schreckenan ihren Silberketten zerrn.

Die Böschung Schauender umschließt die Schiene,in der das alles stockt und rauscht und rollt:das Kommende, das Chryselephantine,aus dem sich zu Balkonen Baldachineaufbäumen, schwankend im Behang von Gold.

Und sie erkennen über all dem Weißen,getragen und im spanischen Gewand,das alte Standbild mit dem kleinen heißenGesichte und dem Kinde auf der Handund knien hin, je mehr es naht und naht,in seiner Krone ahnungslos veraltendund immer noch das Segnen hölzern haltendaus dem sich groß gebärdenden Brokat.

Da aber wie es an den Hingeknietenvorüberkommt, die scheu von unten schaun,da scheint es seinen Trägern zu gebietenmit einem Hochziehn seiner Augenbraun,hochmütig, ungehalten und bestimmt:so daß sie staunen, stehn und überlegenund schließlich zögernd gehn. Sie aber nimmt

in sich die Schritte dieses ganzen Stromesund geht, allein, wie auf erkannten Wegendem Glockendonnern des großoffnen Domesauf hundert Schultern frauenhaft entgegen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 81, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Marien-Prozession“, Fassung 3.780.413 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Rainer Maria Rilke

Alle Gedichte von Rainer Maria Rilke ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.