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Versbuch

Die Erblindende

Rainer Maria Rilke · 18751926

16 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1907

Sie saß so wie die anderen beim Tee.Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasseein wenig anders als die andern fasse.Sie lächelte einmal. Es tat fast weh.

Und als man schließlich sich erhob und sprachund langsam und wie es der Zufall brachtedurch viele Zimmer ging, (man sprach und lachte),da sah ich sie. Sie ging den andern nach,

verhalten, so wie eine, welche gleichwird singen müssen und vor vielen Leuten;auf ihren hellen Augen die sich freutenwar Licht von außen wie auf einem Teich.

Sie folgte langsam, und sie brauchte langals wäre etwas noch nicht überstiegen;und doch: als ob, nach einem Übergang,sie nicht mehr gehen würde, sondern fliegen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 53, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Erblindende“, Fassung 3.491.273 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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