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Versbuch

Die erste Elegie

Rainer Maria Rilke · 18751926

95 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1923

WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der EngelOrdnungen? und gesetzt selbst, es nähmeeiner mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinemstärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichtsals des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockrufdunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögenwir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,und die findigen Tiere merken es schon,daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sindin der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleichtirgendein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglichwiedersähen; es bleibt uns die Straße von gesternund das verzogene Treusein einer Gewohnheit,der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraumuns am Angesicht zehrt –, wem bliebe sie nicht, die ersehnte,sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzenmühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?Ach, sie verdecken sich nur miteinander ihr Los.Weißt du’s noch nicht? Wirf aus den Armen die Leerezu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögeldie erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.

Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten mancheSterne dir zu, daß du sie spürtest. Es hob

sich eine Woge heran im Vergangenen, oderda du vorüberkamst am geöffneten Fenster,gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag.Aber bewältigtest du’s? Warst du nicht immernoch von Erwartung zerstreut, als kündigte alleseine Geliebte dir an? (Wo willst du sie bergen,da doch die großen fremden Gedanken bei diraus und ein gehn und öfters bleiben bei Nacht.)Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; langenoch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl.Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die duso viel liebender fandst als die Gestillten. Beginn’immer von neuem die nie zu erreichende Preisung;denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihmnur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt.Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Naturin sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte,dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampadenn genügend gedacht, daß irgendein Mädchen,dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispieldieser Liebenden fühlt: daß ich würde wie sie?Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzenfruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebenduns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprungmehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.

Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nurHeilige hörten: daß sie der riesige Ruf

aufhob vom Boden; sie aber knieten,Unmögliche, weiter und achtetens nicht:so waren sie hörend. Nicht daß du Gottes ertrügestdie Stimme, bei weitem. Aber das Wehende höre,die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.Es rauscht jetzt von jenen jungen Toten zu dir.Wo immer du eintratst, redete nicht in Kirchenzu Rom und Neapel ruhig ihr Schicksal dich an?Oder es trug eine Inschrift sich erhaben dir auf,wie neulich die Tafel in Santa Maria Formosa.Was sie mir wollen? Leise soll ich des UnrechtsAnschein abtun, der ihrer Geisterreine Bewegung manchmal ein wenig behindert.

Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben,Rosen, und andern eigens versprechenden Dingennicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben;das, was man war in unendlich ängstlichen Händen,nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namenwegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.Seltsam, die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam,alles, was sich bezog, so lose im Raumeflattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsamund voller Nachholn, daß man allmählich ein wenigEwigkeit spürt. – Aber Lebendige machenalle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unterLebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung

reißt durch beide Bereiche alle Alterimmer mit sich und übertönt sie in beiden.

Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Früheentrückten,man entwöhnt sich des Irdischen sanft, wie man den Brüstenmilde der Mutter entwächst. Aber wir, die so großeGeheimnisse brauchen, denen aus Trauer so oftseliger Fortschritt entspringt –: könnten wir sein ohne sie?Ist die Sage umsonst, daß einst in der Klage um Linoswagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang,daß erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jünglingplötzlich für immer enttrat, die Leere in jeneSchwingung geriet, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Duineser Elegien S. 7–10, Erste Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1923
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die erste Elegie“, Fassung 3.493.865 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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