Die vierte Elegie
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
85 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1923
O Bäume Lebens, o wann winterlich?Wir sind nicht einig. Sind nicht wie die Zug-vögel verständigt. Überholt und spät,so drängen wir uns plötzlich Winden aufund fallen ein auf teilnahmslosen Teich.Blühn und verdorrn ist uns zugleich bewußt.Und irgendwo gehn Löwen noch und wissen,solang sie herrlich sind, von keiner Ohnmacht.
Uns aber, wo wir eines meinen ganz,ist schon des andern Aufwand fühlbar. Feindschaftist uns das Nächste. Treten Liebendenicht immerfort an Ränder, eins im andern,die sich versprachen Weite, Jagd und Heimat.Da wird für eines Augenblickes Zeichnungein Grund von Gegenteil bereitet, mühsam,daß wir sie sähen; denn man ist sehr deutlichmit uns. Wir kennen den Konturdes Fühlens nicht, nur was ihn formt von außen.Wer saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang?Der schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.Leicht zu verstehen. Der bekannte Garten,und schwankte leise: dann erst kam der Tänzer.Nicht der. Genug. Und wenn er auch so leicht tut,er ist verkleidet, und er wird ein Bürgerund geht durch seine Küche in die Wohnung.Ich will nicht diese halbgefüllten Masken,lieber die Puppe. Die ist voll. Ich will
den Balg aushalten und den Draht und ihrGesicht aus Aussehn. Hier. Ich bin davor.Wenn auch die Lampen ausgehn, wenn mir auchgesagt wird: Nichts mehr –, wenn auch von der Bühnedas Leere herkommt mit dem grauen Luftzug,wenn auch von meinen stillen Vorfahrn keinermehr mit mir dasitzt, keine Frau, sogarder Knabe nicht mehr mit dem braunen Schielaug:Ich bleibe dennoch. Es gibt immer Zuschaun.
Hab ich nicht recht? Du, der um mich so bitterdas Leben schmeckte, meines kostend, Vater,den ersten trüben Aufguß meines Müssens,da ich heranwuchs, immer wieder kostendund, mit dem Nachgeschmack so fremder Zukunftbeschäftigt, prüftest mein beschlagnes Aufschaun, –der du, mein Vater, seit du tot bist, oftin meiner Hoffnung innen in mir Angst hast,und Gleichmut, wie ihn Tote haben, Reichevon Gleichmut, aufgibst für mein bißchen Schicksal,hab ich nicht recht? Und ihr, hab ich nicht recht,die ihr mich liebtet für den kleinen AnfangLiebe zu euch, von dem ich immer abkam,weil mir der Raum in eurem Angesicht,da ich ihn liebte, überging in Weltraum,in dem ihr nicht mehr wart… Wenn mir zumut ist,zu warten vor der Puppenbühne, nein,so völlig hinzuschaun, daß, um mein Schauenam Ende aufzuwiegen, dort als Spielerein Engel hinmuß, der die Bälge hochreißt.
Engel und Puppe: dann ist endlich Schauspiel.Dann kommt zusammen, was wir immerfortentzwein, indem wir da sind. Dann entstehtaus unsern Jahreszeiten erst der Umkreisdes ganzen Wandelns. Über uns hinüberspielt dann der Engel. Sieh, die Sterbenden,sollten sie nicht vermuten, wie voll Vorwanddas alles ist, was wir hier leisten. Allesist nicht es selbst. O Stunden in der Kindheit,da hinter den Figuren mehr als nurVergangnes war und vor uns nicht die Zukunft.Wir wuchsen freilich, und wir drängten manchmal,bald groß zu werden, denen halb zulieb,die andres nicht mehr hatten als das Großsein.Und waren doch in unserem Alleingehnmit Dauerndem vergnügt und standen daim Zwischenraume zwischen Welt und Spielzeug,an einer Stelle, die seit Anbeginngegründet war für einen reinen Vorgang.
Wer zeigt ein Kind, so wie es steht? Wer stelltes ins Gestirn und gibt das Maß des Abstandsihm in die Hand? Wer macht den Kindertodaus grauem Brot, das hart wird, – oder läßtihn drin im runden Mund so wie den Gröpsvon einem schönen Apfel?…… Mörder sindleicht einzusehen. Aber dies: den Tod,den ganzen Tod, noch vor dem Leben sosanft zu enthalten und nicht bös zu sein,ist unbeschreiblich.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Duineser Elegien S. 17–19, Erste Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1923
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die vierte Elegie“, Fassung 3.579.588 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.