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Versbuch

Der Sänger singt vor einem Fürstenkind

Rainer Maria Rilke · 18751926

88 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1906

Du blasses Kind, an jedem Abend sollder Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen,und soll dir Sagen, die im Blute klingen,über die Brücke seiner Stimme bringenund eine Harfe, seiner Hände voll.

Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzählt,gehoben ist es wie aus Wandgeweben;solche Gestalten hat es nie gegeben, –und Niegewesenes nennt er das Leben.Und heute hat er diesen Sang erwählt:

Du blondes Kind von Fürsten und aus Frauen,die einsam warteten im weißen Saal, –fast alle waren bang, dich aufzubauen,um aus den Bildern einst auf dich zu schauen:auf deine Augen mit den ernsten Brauen,auf deine Hände, hell und schmal.

Du hast von ihnen Perlen und Türkisenvon diesen Frauen, die in Bildern stehnals stünden sie allein in Abendwiesen, –du hast von ihnen Perlen und Türkisen, –und Ringe mit verdunkelten Devisenund Seiden, welche welke Düfte wehn.

du trägst die Gemmen ihrer Gürtelbänderans hohe Fenster in den Glanz der Stunden,und in die Seide sanfter Brautgewändersind deine kleinen Bücher eingebunden,und drinnen hast du, mächtig über Länder,ganz groß geschrieben und mit reichen, rundenBuchstaben deinen Namen vorgefunden.

Und alles ist, als wär es schon geschehn.

Sie haben so, als ob du nicht mehr kämst,an alle Becher ihren Mund gesetzt,zu allen Freuden ihr Gefühl gehetztund keinem Leide leidlos zugesehn;so daß du jetztstehst und dich schämst.

... Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines,der Sänger kommt dir sagen, daß du bist.Und daß du mehr bist als ein Traum des Haines,mehr als die Seligkeit des Sonnenscheines,den mancher graue Tag vergißt.Dein Leben ist so unaussprechlich deines,weil es von vielen überladen ist.

Empfindest du, wie die Vergangenheitenleicht werden, wenn du eine Weile lebst,wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten,jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten, –und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeitenfür eine Geste, die du schön erhebst. –

Das ist der Sinn von allem, was einst war,daß es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere,daß es zu unserm Wesen wiederkehre,in uns verwoben, tief und wunderbar:So waren diese Frauen elfenbeinern,von vielen Rosen röthlich angeschienen,so dunkelten die müden Königsmienen,so wurden fahle Fürstenmunde steinernund unbewegt von Waisen und von Weinern,so klangen Knaben an wie Violinenund starben für der Frauen schweres Haar;so gingen Jungfraun der Madonna dienen,denen die Welt verworren war.So wurden Lauten laut und Mandolinen,in die ein Unbekannter größer griff, –in warmen Sammt verlief der Dolche Schliff, –Schicksale bauten sich aus Glück und Glauben,Abschiede schluchzten auf in Abendlauben, –und über hundert schwarzen Eisenhaubenschwankte die Feldschlacht wie ein Schiff.So wurden Städte langsam groß und fielenin sich zurück wie Wellen eines Meeres,so drängte sich zu hochbelohnten Zielendie rasche Vogelkraft des Eisenspeeres,so schmückten Kinder sich zu Gartenspielen, –und so geschah Unwichtiges und Schweresnur, um für dieses tägliche Erlebendir tausend große Gleichnisse zu geben,an denen du gewaltig wachsen kannst.Vergangenheiten sind dir eingepflanzt,um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.Du blasses Kind, du machst den Sänger reichmit deinem Schicksal, das sich singen läßt:So spiegelt sich ein großes Gartenfestmit vielen Lichtern im erstaunten Teich.Im dunklen Dichter wiederholt sich stillein jedes Ding: Ein Stern, ein Haus, ein Wald.Und viele Dinge, die er feiern will,umstehen deine rührende Gestalt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 1, S. 113–118, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Sänger singt vor einem Fürstenkind“, Fassung 2.345.170 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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