Der Schauende
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
34 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Ich sehe den Bäumen die Stürme an,die aus laugewordenen Tagenan meine ängstlichen Fenster schlagen,und höre die Fernen Dinge sagen,die ich nicht ohne Freund ertragen,nicht ohne Schwester lieben kann.
Da geht der Sturm, ein Umgestalter,geht durch den Wald und durch die Zeit,und alles ist wie ohne Alter:Die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.
Wie ist das klein, womit wir ringen,was mit uns ringt, wie ist das groß;ließen wir, ähnlicher den Dingen,uns so vom großen Sturm bezwingen, –wir würden weit und namenlos.
Was wir besiegen ist das Kleine,und der Erfolg selbst macht uns klein.Das Ewige und Ungemeinewill nicht von uns gebogen sein.Das ist der Engel, der den Ringerndes alten Testaments erschien;wenn seiner Widersacher Sehnenim Kampfe sich metallen dehnen,fühlt er sie unter seinen Fingernwie Saiten tiefer Melodien.Wen dieser Engel überwand,welcher so oft auf Kampf verzichtet,der geht gerecht und aufgerichtetund groß aus jener harten Hand,die sich, wie formend, an ihn schmiegte.Die Siege laden ihn nicht ein.Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegtevon immer Größerem zu sein.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 2, S. 151–154, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Schauende“, Fassung 2.357.751 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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