Der Schutzengel
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
27 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen,wenn ich erwachte in der Nacht und rief.Nur mit den Armen rief ich, denn Dein Namenist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief.Du bist der Schatten, drin ich still entschlief,und jeden Traum ersinnt in mir Dein Samen, –du bist das Bild, ich aber bin der Rahmen,der Dich ergänzt in glänzendem Relief.
Wie nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen.Du bist der Anfang, der sich groß ergießt,ich bin das langsame und bange Amen,das Deine Schönheit scheu beschließt.
Du hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen,wenn mir das Schlafen wie ein Grab erschienund wie Verlorengehen und Entfliehn,da hobst Du mich aus Herzensfinsternissenund wolltest mich auf allen Türmen hissenwie Scharlachfahnen und wie Draperien.
Du: Der von Wundern redet wie vom Wissenund von den Menschen wie von Melodienund von den Rosen: von Ereignissen,die flammend sich in Deinem Blick vollziehn, –Du Seliger, wann nennst Du einmal Ihn,aus dessen siebentem und letztem Tagenoch immer Glanz auf Deinem Flügelschlageverloren liegt, …Befiehlst Du, daß ich frage?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 1. Buch Teil 1, S. 23, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Schutzengel“, Fassung 2.357.749 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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