Der Stylit
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
30 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Völker schlugen über ihm zusammen,die er küren durfte und verdammen;und erratend, daß er sich verlor,klomm er aus dem Volksgeruch mit klammenHänden einen Säulenschaft empor,
der noch immer stieg und nichts mehr hob,und begann, allein auf seiner Fläche,ganz von vorne seine eigne Schwächezu vergleichen mit des Herren Lob;
und da war kein Ende: er verglich;und der andre wurde immer größer.Und die Hirten, Ackerbauer, Flößersahn ihn klein und außer sich
immer mit dem ganzen Himmel reden,eingeregnet manchmal, manchmal licht;und sein Heulen stürzte sich auf jeden,so als heulte er ihm ins Gesicht.Doch er sah seit Jahren nicht,
wie der Menge Drängen und Verlaufunten unaufhörlich sich ergänzte,und das Blanke an den Fürsten glänztelange nicht so hoch hinauf.
Aber wenn er oben, fast verdammtund von ihrem Widerstand zerschunden,einsam mit verzweifeltem Geschreieschüttelte die täglichen Dämonen:fielen langsam auf die erste Reiheschwer und ungeschickt aus seinen Wundengroße Würmer in die offnen Kronenund vermehrten sich im Samt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 32-33, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Stylit“, Fassung 3.445.423 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.