Der Sohn
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
88 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Mein Vater war ein verbannterKönig von überm Meer.Ihm kam einmal ein Gesandter:sein Mantel war ein Pantherund sein Schwert war schwer.
Mein Vater war wie immerohne Helm und Hermelin;es dunkelte das Zimmerwie immer arm um ihn.Es zitterten seine Händeund waren blaß und leer, –in bilderlose Wändeblicklos schaute er.
Die Mutter ging im Gartenund wandelte weiß im Grün,und wollte den Wind erwartenvor dem Abendglühn.Ich träumte, sie würde mich rufen,aber sie ging allein, –ließ mich vom Rande der Stufenhorchen verhallenden Hufenund ins Haus hinein:
Vater! Der fremde Gesandte …?Der reitet wieder im Wind …Was wollte der? Er erkannteDein blondes Haar, mein Kind.Vater! Wie war er gekleidet!Wie der Mantel von ihm floß!Geschmiedet und geschmeidetwar Schulter, Brust und Roß.Er war eine Stimme im Stahle,er war ein Mann aus Nacht, –aber er hat eine schmaleKrone mitgebracht.Sie klang bei jedem Schrittean sein sehr schweres Schwert,die Perle in ihrer Mitteist viele Leben wert.Vom zornigen Ergreifenverbogen ist der Reifen,der oft gefallen war:es ist eine Kinderkrone, –denn Könige sind ohne;– gib sie meinem Haar!Ich will sie manchmal tragenin Nächten, blaß vor Scham.Und will Dir, Vater, sagen,woher der Gesandte kam.Was dort die Dinge gelten,ob steinern steht die Stadt,oder ob man in Zeltenmich erwartet hat.
Mein Vater war ein Gekränkterund kannte nur wenig Ruh.Er hörte mir mit verhängterStirne nächtelang zu.Mir lag im Haar der Ring.Und ich sprach ganz nahe und sachte,daß die Mutter nicht erwachte, –die an dasselbe dachte,wenn sie, ganz weiß gelassen,vor abendlichen Massendurch dunkle Gärten ging.
***… So wurden wir verträumte Geiger,die leise aus den Thüren treten,um auszuschauen, eh sie beten,ob nicht ein Nachbar sie belauscht.Die erst, wenn alle sich zerstreuten,hinter dem letzten Abendläuten,die Lieder spielen, hinter denen,(wie Wald im Wind hinter Fontänen)der dunkle Geigenkasten rauscht.Denn dann nur sind die Stimmen gut,wenn Schweigsamkeiten sie begleiten,wenn hinter dem Gespräch der SaitenGeräusche bleiben wie von Blut;und bang und sinnlos sind die Zeiten,wenn hinter ihren Eitelkeitennicht etwas waltet, welches ruht.
Geduld: es kreist der leise Zeiger,und was verheißen ward, wird sein:Wir sind die Flüstrer vor dem Schweiger,wir sind die Wiesen vor dem Hain;in ihnen geht noch dunkles Summen –(viel Stimmen sind und doch kein Chor)und sie bereiten auf die stummentiefen heiligen Haine vor …
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 1, S. 93–98, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Sohn“, Fassung 2.357.748 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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