In Flammen steh’n die Zinnen Rom’s
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
151 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1892
2.
In Flammen steh’n die Zinnen Rom’s, in FlammenDie Tempel, Kapitol und Palatin –Die Angst schaart sich zum letzten Kampf zusammen,Doch unbarmherzig würgt der Tod sie hin;Zerstampft von wüthenden BarbarenhordenDas einst so stolze Rom – geknechtet, siech,Zur Dirne roher Plünderer geworden,Im Schreckensbann des wilden Alarich!Wie rast und tobt und pfaucht durch alle StraßenDie Sieges blinde, todesbrünst’ge Wuth –Der Römer Leichen thürmen sich zu Massen,In heißen Purpurlachen dampft das Blut;Nicht schont der Fuß des Kriegers mehr die Todten:Zur Brücke werden sie, darüber hinWie toll der jauchzende Triumph der GothenSich wälzt, zerstörungslüstern Faust und Sinn!Hier eine Feuersbrunst und dort Ruinen, –Erstürmter Pforten splitterndes GekrachLängs ihres Bentezug’s und hinter ihnenDer Hingemetzelten ersterbend Ach!Wie rasend schwelgt ihr Haß in blindem Morden,Doch auch ihr Glaube übt sich wuthentbrannt,Hinsinkt, zerstampft von den getauften HordenManch’ schimmernd Götterbild aus Künstlerhand!So wälzt der grause Strom sich immer weiter,Verheerend, unaufhaltsam, blutig, wild –In teilnahmsloser Bläue lächelt heiterDer Himmel über diesem Schreckensbild....Noch fern’ den Gräueln aber, wo verlassenUnd preisgegeben die Subura winkt,Durchdröhnt ein hohler Ton die öden Straßen,Deß’ Echo seltsam aus der Tiefe dringt.Wer blieb hier dreist zurück und – tollkühn Wagen!Weß' Übermuth verräth noch, daß er’s that,Nun Mord und Brand um Rom zusammenschlagenUnd heulend, wahllos die Vernichtung naht?Und dennoch – sieh! Im letzten, kleinsten HauseDes öden Stadttheils, das in sich gekehrtUnd feierlich wie eines Siedlers KlauseGemeiner Schaulust keusch den Eintritt wehrt;Im sonn’gen Peristyl, deß’ MarmorschimmerNoch fern’ dem Graus der Flammen, silber-weißWetteifert mit des Mosaik’s Geflimmer –Kniet hochgeschürzt ein düst’rer Römer-Greis.
Zu seinen Füßen hat in GrabesweiteDie Tiefe schauerlich sich ausgethan;Zerspellter Marmor häuft sich ihm zur Seite,Doch unermüdlich schafft sein Arm sich Bahn;Sein Antlitz glüht, die Schwärmeraugen lodernUnd keuchend ringt die greise Brust nach Luft –Wahnwitz’ger – willst du selbst darin vermodern?Für wessen Leichnam öffnest du die Gruft?Ha – und was birgst du unter jener Hülle,Die purpurn dort den Mosaik bedeckt?Ist's eines Märchenschatzes gold’ne Fülle?Ein Mensch? Ein Feind, den du dahingestreckt?Da hält er ein: „Vollendet!“ tönt es bebendVon seinen Lippen, tief neigt er den Leib,Und facht die goldbefranste Decke hebendEntschleiert er ein marmorn Götterweib!
„Du bist’s, die schönheitsfroh einst der HelleneErträumt – der Rom Altäre ausgebaut –O Lichtbild – Göttin – Anadyomene –Ambrosiadustend und nektarbethaut –Noch einmal, eh’ ich dich dem Schooß der ErdeVertraue, lächle mir dein süßer Mund,Die Anmuth deiner himmlischen Geberde,Die heit’re Stirn, des Kinn’s entzückend Rund,Des lilienreinen Busens weiche Fülle,Der Eros und die Grazien genährt,Der Form Mysterium uns ohne HülleGezeigt, und bis zur Göttlichkeit verklärt!O sieh, dein letzter Tempel ist gesunkenMit Hellas gold’ner, Rom’s gewalt’ger Zeit;Im neuen Gotteshaus wird Blut getrunkenUnd murmelnd fleht man dort zur Häßlichkeit,Die krampf- und schmerzverzerrt die nackten GliederAm rauhen Marterholz des Kreuzes reckt:Ein Sklavengott! Und doch, er warf uns nieder,Sein finst’rer Schatten hat sich ausgestrecktUnd hält nun grauenhaft das Licht gefangen,Sein Bild, sein Dulderantlitz hier und dort,Allüb’rall seiner Leiden grausig Prangen,Sein düst’res Priesterthum an jedem Ort!In seinem Zeichen siegt des Feindes Tücke,In seinem Namen naht was roh und wild,Seit jener Cäsar an der milv’schen BrückeZum ersten Mal sein blutig Kreuz enthülltUnd wider euch geführt, ihr lichten Götter –An jenem Tag gab euer Zorn uns preis,Vergeblich schmachtet Rom jetzt nach dem Retter:Erniedrigt – in den Staub getreten.... sei’s!Du aber, Botin makelloser Schöne,Der frühe schon der Jüngling sich ergab,Und nun der Greis, als letzter deiner SöhneZum Tempel dir erschlossen dieses GrabIm Angesicht des nah’nden Todes – grolle,O groll’ ihm nicht, du Bild olymp’scher Lust,Wenn statt der Myrth’ er heut’ die harte ScholleDir wirft an die entblößte Götterbrust!Nicht soll der Fuß der Plünd’rer dich zertreten,Noch dich verdammen ihrer Priester Spruch –An’s Mutterherz der Erd’ will ich dich betten,Dort ruh’ mit dir des letzten Römers Fluch,Um siegreich einst mit dir zu auferstehen,Denn kommen wird – ich ahn’s voll Seligkeit –Die Stunde des Triumphes, da in WehenDas Menschenthum nach eurem Zauber schreit,Ihr einst verlass’nen Zeugen höchster Schöne,Verklärte Sonnenkinder der Natur –Im Staube wird der Undank eurer SöhneNoch suchen nach dem Golde eurer Spur!Und dann – ersteht! heraus aus euren GrüftenOlympier, mit siegender Gewalt,Geküßt vom Licht, umschmeichelt von den LüftenItalia’s die blühende Gestalt;Mit heit’rer Stirn und unverhüllter Lende,So keusch und frei wie jene, die euch schuf:Natur, der ich auch dich jetzt wiedersende,Bis euch befreit der Menschheit Sehnsuchtsruf!Dann wird man prächt’ge Tempel euch erbauenUnd zu euch wallen wie in alter Zeit;Und ihr – ihr werdet lächelnd niederschauenWie einst! Aufblüht dann wieder wahnbefreitDes Daseins Lust in Formen und Gestalten,Und wenn auch nicht im Gotteshaus – im ReichDes Schönen wird das alte Hellas walten,Und bilden wird der Mensch nur, was euch gleich –Dein Lächeln, Göttin, nehm’ ich d’rauf zum Pfande!Und jetzt – hinab! –Verzeih’ o herrlich Weib,Daß meine flieh’nde Kraft dich nun in BandeGelegt, um unversehrt den heil’gen LeibIn dieses Grabes Tiefe zu versenken....Es ist vollbracht! Da horch – o horch! welch’ Schrei’n?Schon muß der Feind hieher die Schritte lenken!Darum – vergieb es! füg’ ich Stein an SteinUnd Platt’ an Platte jetzt, wie sie gelegen,Und wölbe dir die Gruft zur Nische ein –Leb’ wohl.... nein, nimm noch diesen BlüthensegenIns dunkle Grab: er hat Rom’s SonnenscheinUnd meinen Thränenthau in sich getrunken!Und nun die letzte Platte zu! VerwischtDie letzte Spur – – – ha, seh’ ich Rosen? Funken?Wo bin ich? Hellas – Rom?“Sein Aug’ erlischt....
Es lacht ihr Bild mit heit’ren GrübchenwangenIn Rom noch heut’ dir seinen Zaubergruß,Darunter kündet gold’ner Lettern Prangen:„Benedictus. Papa. Pontifex. Maximus.“ –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 58-62, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „In Flammen steh’n die Zinnen Rom’s“, Fassung 3.660.739 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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