Ja, könnt’ ich mich in deinen Frieden schmiegen
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
57 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1892
2.
Ja, könnt’ ich mich in deinen Frieden schmiegen,Du Port, der mir nun winkt zu kurzer Rast!Was in mir tobt und wühlt und gährt besiegen:Des Lebens ganze, glüh’nde Fieberhast
Mir wäre wohl vielleicht – ich kann nicht sagenGewiß – denn trüb und unstät ist mein Sinn,Nicht blieb ich, die ich war in früh’ren Tagen,Wie könnt’ ich bleiben, die ich heute bin?
Du scheinst so träumend und weltabgeschiedenZu ruhen fern’ dem wüsten Lebensstrom,Und doch – umbraust nicht ringsum deinen FriedenDie Stadt der schlimmsten, tollsten Kämpfe – Rom?!
Der Nam’ allein – läßt er dich nicht erschauern?Weißt du wie Viel und Was er in sich faßt?Ich, ahntest du’s! Nicht stünden deine Mauern,Noch böt’ dein Friede mir solch’ traute Rast!
Denn siehe: Rom begreift in sich das LebenMit allen Schrecken, denen du entfloh’n,Mit jeder Wonne, der du dich begeben,Mit seinem schwülen Glück und eis’gen Hohn
Da siehe! ringsum seiner Kämpfe Reste:Zerbroch’ne Scepter, moderndes Gebein,Verlass’ne Tempel, bröckelnde Paläste,Zerstörter Foren Marmor-Wüstenei’n!
Und Schlimm’res noch: besudelte Altäre.Zertret’ne Götterleiber hier und dort,Zerstampft von den Kothurnen wüster Heere,Befleckt von ihren Freveln jeder Ort!
Und dennoch – diese Frevel, sie bedeutenDes Lebens tiefsten, innersten Gehalt:Ja schaud’re! blutig müssen uns’re BeutenUnd heilig sein, das kitzelt die Gewalt;
Das spornt nicht nur Erob’rer und Empörer,Zum Kampf, das wühlt uns Allen toll im HirnUnd schreibt als Brandmal Kain’s das Wort: „Zerstörer!“In tiefen Furchen früh auf uns’re Stirn....
Ob ich’s gefühlt? Ob ich auch dies empfunden?Ob ich ihn theile, diesen frevlen Ruhm?Gewiß! er schlug die tiefste meiner Wunden,So herb als süß war sein Mysterium!
Wie Rom liegt in Ruinen nun mein LebenUnd alle Träume, alle Götter drin,Doch über ihre Grüfte hinzuschweben,Das reizt und spornt so wonnig meinen Sinn,
Das drängt so stolz der Wehmuth fromme ThränenIn’s heiße Kämpferauge mir zurück,Daß ich empfind’: in diesem glühnden SehnenAllein ruh’ meines Ich’s geheimstes Glück!
Wie du in Rom – so steht in meinem LebenDer Friede: nur zu kurzer Rast gesucht,Um dann auf’s Neue wild hinauszustrebenAuf’s off’ne Lebensmeer aus sich’rer Bucht –
Hinweg! hinweg! schon glühen meine Wangen,Erröthend, daß dein Zauber mich bethört –Er hielt in mir den schlimmsten Feind gefangen,Denn lieben kann ich nur, was ich zerstört....
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 49-50, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ja, könnt’ ich mich in deinen Frieden schmiegen“, Fassung 3.513.729 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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