Zum Inhalt springen
Versbuch

Die Tasso-Eiche

Marie Eugenie Delle Grazie · 18641931

29 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1892

3. Die Tasso-Eiche.

Nach Jahren wilder, unerhörter QualenDein stiller Platz im Schatten dieses Baum’s,So nah der Sonne deiner Ruhmesstrahlen,So fern der Stätte deines Seelentraum’s!

„Ferrara“ und „Lenore“ – ach, die Namen,Die in der frommen Mönche düst’rem KreisVerschämt nur über deine Lippen kamen,Hier schriest du sie vielleicht noch bang und heiß!

Hier durfte unbelauscht dein Herz verbluten,Und wenn dein Weh in Thränen sich ergoß,Verklärten sie die reinsten Sonnengluthen –Hier war dein Schmerz kein sündiger Genoß!

Dann schwanden Roma’s wirre HäusermassenWie Nebel, und nur eines sah dein Blick:Ferrara’s marmorschimmernde TerrassenUnd jener Tage blumiges Geschick!

Nun schlummerst du, entrückt dem Qualbereiche,Das wärmste Herz im Bann des kühlsten Raum’s,Doch noch umsäuseln mystisch jene EicheDie Schauer deines unerfüllten Traum’s!

Ich fühlte sie.... und grünt ihr auch zur SeiteDer bitt’re Lorbeer – hier gebeut er nie,Nur Sehnsucht reißt die Seele in die Weite,Und Liebeszauber ranken sich um sie;

Vor deiner Grust erstirbt jed’ eitles Wähnen,Hier thront dein Ruhm in majestät’scher Ruh,Doch wo der Mensch gelitten, fand ich Thränen,Und schluchzen, träumen durft’ ich hier wie du!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Italische Vignetten, S. 37-38, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Tasso-Eiche“, Fassung 3.577.984 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Marie Eugenie Delle Grazie

Alle Gedichte von Marie Eugenie Delle Grazie ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.