Ein licht- und duftverklärter Sonnentag
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
29 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1892
3.
Ein licht- und duftverklärter SonnentagDu Riesenbau, den ich auf deinen MauernVerträumt, läßt heute noch mein Herz erschauern,Erregt noch heute meiner Pulse Schlag:
In wolkenloser Bläue wölbt sich weitDer Himmel über dir und Roma’s Zinnen,Von Zittersttahlen flirrt es außen, innenUnd ringsum – eine gold’ne Seligkeit!
In meiner Brust auch wird es plötzlich laut,Wie süße Stimmen längst begrab’ner Wonnen,Und Sterne glaube ich zu seh’n und Sonnen,Die früher nie mein trübes Aug geschaut...
Wie heilig dieses Sonnentages Gluth!Sie läßt so ahnung-süß mein Herz erschauern,Verklärt selbst dich und küßt von deinen MauernMit warmem Glanz die Frevel und das Blut;
Und wo ihr gold’ner Strahl am hellsten lag,Erweckte sie ein Blümchen – o Entzücken!Zwar schwankt’s auf losem Stein, doch muß ich’s pflücken,Es hat ja Theil an diesem Sonnentag!
An ihm und Allem, was mein Herz empfand,Und hier genoß – ja Holde, laß dich brechen,Noch fern’ sollst du von diesem Tag mir sprechen,Und siegesfroh streck ich danach die Hand –
Da bröckelt aus der Mauer sich der SteinUnd rollt zu andern Trümmern in die Tiefe –Dumpf schlägt er auf – nur aber ist, als riefeDes Echo’s Hohn: „Dies mag ein Bild dir sein!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 21-22, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ein licht- und duftverklärter Sonnentag“, Fassung 3.688.728 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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