Atlantis
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1892
Wie fremd im Sonnenwechsel dieser TageEin heimlich Grau’n mir durch die Seele schleicht,Und deines Schicksals schwermuthvolle SageAtlantis, nimmer aus dem Sinn mir weicht!
Seh’ ich im Abendgold die Klippen strahlen,Wird mir das Aug’ von heißen Thränen schwerUnd zuckend spricht das Herz in tausend Qualen:„Blick hin — du siehst sie so nicht wieder mehr!“
Nie wieder wird dir so der Himmel blauen,Nie wieder klingt so eigen dir die Luft,Und wirst du sie nach Jahren wiederschauen,Ein and’rer Klang wird’s sein, ein and’rer Duft!
Befremdet wird dein Auge um sich spähenUnd suchen, was es nicht mehr finden kann,Und durch das Herz wird dir ein Grauen gehen,Und lasten wird auf dir ein Zauberbann,
Ein athemloses, tödliches Erschrecken,Wie’s uns vor Leichen faßt, die wir geliebt,Und nicht mehr rufen können, nicht mehr wecken,Weil uns kein Ton, kein Blick mehr Antwort giebt!
Derselbe Reiz wird’s sein, der heut’ mir trunkenDen Sinn berückt, dasselbe Abendroth,In meinem Innersten nur wird versunkenAtlantis sein und was heut’ lebend - todt!
Und wo ich einst gejauchzt, wird herbes TrauernDen Busen mir beklemmen, fürchterlich,Und wo ich einst geglüht, wird’s mich durchschauernWie Grabesfrost – und wenden werd’ ich mich
Und flieh’n .... wie doch im Wechsel dieser TageEin heimlich Grau’n mir durch die Seele schleichtund deines Schicksals schwermuthvolle Sage,Atlantis, nimmer aus dem Sinn mir weicht!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 119–120, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Atlantis (Delle Grazie)“, Fassung 2.801.781 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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