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Versbuch

Den Schminknapf weg!

Marie Eugenie Delle Grazie · 18641931

54 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1892

1.

„Den Schminknapf weg! mit Rosen und NarzissenBestreut das Lager mir – es dufte schwül,Wenn er, von meinem Arm hinabgerissen,Begehrend lechzt auf heißem Purpurpfühl!Laßt Weihrauchduft im Schlafgemache steigen,Im Peristyle sprengt Falerner ausUnd dann – ihr wißt es: athemloses Schweigen –Kein Laut – bei meinem Zorn! im ganzen Haus!“

Sie ruft’s, mit stolzen, königlichen SchrittenHinwandelnd durch das dämmernde Gemach;Leis’ knirscht der Marmor unter ihren TrittenUnd knisternd rauscht des Kleides Saum ihr nach....„O Herrin – es geschah, wie du befohlen!“Mit scheuer Lippe haucht’s ihr Lieblingssklav’Und schleicht dann tief gebückt, auf leisen SohlenHinaus – gehorsam, lautlos wie der Schlaf.Sie nickt und wandelt rascher auf und nieder:Ihr Busen wogt, das zarte Antlitz flammt –Wie kosig schmiegt sich an die weichen GliederDes Hemdes Byssus und der Stola Sammt!Nun hält sie ein – mit silbernem GeflimmerWirft eines Spiegels blank-polirtes RundIhr Bild zurück: der Augen blauen Schimmer,Die marmorglatte Stirn, den süßen Mund,Den lichten Goldglanz ihrer blonden Flechten –Einst trug sie ein germanisch Fürstenkind,Nun streicht sie mit der lilienblassen RechtenDie Römerin; sie denkt’s und lächelt: spinnt

Der Zufall doch gleich wirr an den GeschickenDer Menschen, launisch oder gnadenvoll –Und wieder flammt es auf in ihren Blicken –Die Schöne weiß warum und lacht wie tollDem eig’nen Bild zu....

Ja, heut’ wird er kommen,Er, dessen Nam’ sonst wie Entsetzen lähmt,Der Bluthund, der Tyrann, der lustentglommenZu ihren Füßen liegt, von ihr gezähmt –Rom’s Dämon, Nero! Ha, nur noch Minuten,Und sie umfängt mit ihrem Sieg ihr Glück,Ergötzt sich straflos an des Wüth’richs Gluthen –Mit keinem Nerv bebt sie vor ihm zurück!

„Ja ich, Poppäa bin’s, die ihn bezwungen!“Und wieder lacht sie auf – „ich hab ihm dreistUm’s Löwenhaupt den seidnen Strick geschlungen,Ich tändle mit der Pranke, die zerreißtUnd hinwürgt, keck und ohne Todesgrauen,Zum Spielzeug ward er mir, der Wütherich,Ich hab’s gewagt ihm stolz in’s Aug zu schauen –Rom’s letzter, einz’ger Held – drum liebt er mich!“

Sie ruft’s und steht in des Gemaches MitteHochaufgerichtet, Siegerin und WeibZugleich – da nahen leichte Pantherschritte –Ein süßer Schauer rinnt durch ihren Leib....

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Italische Vignetten, S. 56-57, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
Digitalisat
de.wikisource.org — „Den Schminknapf weg!“, Fassung 3.660.833 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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