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Versbuch

Abendsonnenschein

Marie Eugenie Delle Grazie · 18641931

141 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1892

Abendsonnenschein! Er fluthetDurch ein marmorn Prunkgemach,Wo er hinirrt, flammt und gluthetSeide, Gold und Purpur nach.Schimmernde Pilaster tretenAus den Wänden stolz hervor,Reizvoll prangt in den LünettenPinturicchio’s Farbenflor:Cherubhäupter lauschen nieder,Wo die Makellose fleht –Heil’ge Unschuld, vom GefiederÜberird’scher Macht umweht!Märtyrer in Todesqualen,Fromme Klausner, weltentrückt,Augen, die im Brechen strahlenTriumphirend und verzückt –Niederrauscht ein ganzer HimmelFlammend hier und golddurchwebt,Eine Glorie, ein Gewimmel,Das im Licht sich regt und lebt ....Hörst du nicht die Engel flüstern?Tritt ein Cherub dort herfür?Da – ein leiser Ruf – ein Knistern –Weitauf springt die gold’ne ThürDes Gemach’s und auf der SchwelleSteht ein jugend-schönes Weib,Von des abends PurpurhelleÜbergossen Haupt und Leib.

Rosig schimmern ihre Wangen,Rosig blüht der Arme Pracht –Höll’ und Himmel siehst du prangenIn des Auges sammt’ner Nacht.Kosig unter leichter HülleWogt und ebbt des Busens SchneeUnd der Locken gold’ne FülleKüßt die prächtige Kamee,Die auf ihrer Schulter flimmert –Spähend huscht sie nun herein,Lauscht und winkt – ihr Auge schimmertUnd die Lippe haucht: „Allein!Komm, hier wird uns Niemand stören,Hier berathen wir’s in Ruh –Nur die lieben Heil’gen hörenMit erstaunte Augen zu -Hahaha!“

Und silberhelleTanzt ihr Kichern durch’s Gemach –Lautlos, mit des Panthers SchnelleGleitet ihr ein Ritter nach.Doch kein Fremdling: ihre ZügeWeist sein Antlitz streng und treu –Gleichen Adels stolze Lüge,Gleicher Schönheit Heuchelei ....

„Cesare –“ und zum GeflüsterDämpft des Weibes Stimme sich,Ihre Marmorstirn wird düsterUnd ihr Lächeln fürchterlich –„Nicht die schlimmste deiner ThatenWird es sein, wenn meine QualMit ihm stirbt –“

„Ich kann’s errathen,“Grinst der Bruder – „dein Gemahl!Uns zu Trotz kehrt er auf’s NeueJetzt nach Rom – gewagter Spott!Oder sucht er deine Treue,Oder - uns’res Vaters Gott?“

„Einerlei, du mußt ihn fassen,Denn er ist uns feind!“

„Gewiß!Einig sind wir, wenn wir hassen –Borgia’s Wappenspruch sei dies!Schielst wohl nach dem reichen Este,Schwesterchen? Ein schmucker Herr!Neulich merkt’ ich’s schon, beim Feste –Nun – Alfsonso heißt auch der!Und du blühst noch wie die Rose,Üppig, hold, ein wonnig Weib –Laß dich küssen, Schöne, Lose –O – wie schmiegsam dieser Leib!Hängen möcht’ ich dir am MundeSo wie einst, wie damals .... ha,Denkst auch du noch jener Stunde,Jener Nacht, Lucrezia?“

„Schweig', du fehltest an dem Kinde,Lüstling, an dem eig’nen Blut!“„Pah – was frag’ ich nach der Sünde?War es süß, so war’s auch gut!Nur wer solcher Lust genossen,Führt gleich reu’los Dolch und Schwert –Haß und Lieb’ sind Höllensprossen:Erst der Frevel macht sie werth!“„Aber wie wirst du’s vollbringen?“Flüstert sie;„Pah – wie sich’s trifft!Will’s dem Schwerte nicht gelingen –Unfehlbar wirkt Borgia’s Gift!Ich credenze es dem ZecherSchmunzelnd im Falerner-Wein,Schütt’ es in die TaumelbecherAhnungsloser Lust hinein,Laß es mit dem Weihrauch steigen,Träufle es in’s AndachtsbuchMeiner Feinde – und sie schweigenFromm dann unter’m Leichentuch!Heut’ noch wirst du seiner ledig,Zaub’rin – doch was ist der Preis?Wie – du sinnst noch? sei mir gnädig!“Raunt der Elende und heißStrömt, von sünd’ger Lust entglommenNach den Schläfen ihm das Blut –Da – ein Schrei –

„Hinweg! Sie kommen!“Und fort stürzt die Lasterbrut ....

Fromme Litaneien schallenSalbungsvoll den Flieh’nden nach,Duft’ge Weihrauchwolken wallenHinter ihnen durch’s Gemach;Und wie auf den Fluthen gaukelndSich die Gondel hebt und wiegt,Naht ein Thron, der leise schaukelndSich an Priesterschultern schmiegt;Sieh’ – ihn selbst bringt man getragen,Ihn, den Herrn an Gottes Statt —Seines Kleides Falten schlagenUm den Thron ein Purpurrad;Aus der funkelnden TiareBricht es wie ein Feuerschein,Lockig fallen ihm die HaareIn die mächt’ge Stirn hinein;Ries’ge Pfauenwedel fächelnKühlung ihm und Weihrauch zu,Und ein sattes GötterlächelnKräuselt seiner Züge Ruh’.

Pinturicchio’s Heil’ge stierenIhm mit finst’ren Blicken nachUnd die Sonnenstäubchen schwirrenHinter ihm aus dem Gemach. –Stille wird es rings .... schon dunkelt’s,Fern’ verhallt der letzte Tritt,Aber an der Decke funkelt’sBlutig: „Borgia – fundavit“ ....

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Italische Vignetten, S. 63-67, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
Digitalisat
de.wikisource.org — „Abendsonnenschein“, Fassung 1.229.218 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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