Des Jahres erste Hälfte
Louise Otto-Peters · 1819–1895
210 Zeilen in 57 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Vorüber sind die Feste!
I.
Vorüber sind die Feste wieder,Die uns gegrüßt mit Glanz und Licht,Verstummt die holden Weihnachtslieder,D’raus reinster Liebe Segen spricht.
Es gab dafür ein langes Sorgen,Ein Vorbereiten Tag und Nacht,Beim Lampenschein ward mancher MorgenGar arbeitsvoll herangewacht.
Das Werk der Liebe zu bereiten,Bemühte sich so alt und jung,Und jedes Herz schien sich zu weitenIn Hoffnung und Erinnerung,
Ein Liebesfest so ohne GleichenIm ganzen großen Vaterland,Wo Engelsruf und SternenzeichenZu hoher Botschaft sich verband!
Und Liebe wurde zum Erbarmen:Vom Christbaum aus dem eignem HeimFiel mancher Strahl auch auf die ArmenUnd weckte neuer Hoffnung Keim. –
Die heil’ge Nacht – die FeiertageMit aller Weihe, allem Glück,Des Jahreswechsels ernste Frage –Wir blicken jetzt darauf zurück.
Vorüber wieder sind die FesteUnd uns umfängt die Alltagswelt,Doch bleibt uns ja davon das Beste:Begeistrung, die uns aufrecht hält.
Sie, die am Sterne sich entzündet,Der in der Weihnacht zog voraufUnd allen Sehenden verkündet:Es naht das Heil – nun wachet auf!
Nun wachet auf zum Liebesglauben,Nun dient der neuen Zeit des Lichts –Den Weihegruß kann niemand rauben,Was ihm nicht dient, zerfällt in nichts.
Den Festen folgt der Arbeit Mühen,Das ihnen freudig ging voran –Wenn wir im Dienst der Menschheit glühen,Sind wir auf rechter Lebensbahn.
II.In Eis und Schnee.
Das ist die Zeit, wo in PalästenVon Gas und Kerzenschein erhellt,Zu Tanz und Schmaus geladnen GästenIn Glanz getaucht erscheint die Welt.
Das ist die Zeit wo Schlitten klingelnUnd auf des Eises glatter BahnDie Paare auch sich tanzend ringeln,Sich fliehen bald und bald sich nahn.
Die Zeit ist’s, wo in Hauses EngeSich alt und jung zusammen schließtUnd fern von eitler Pracht Gedränge,Ein heimisch trautes Glück genießt.
Wenns draußen schneit, gern am KamineMan einsam ferner Zeit gedenkt,Bald lächelnd, bald mit ForschermieneIn Rätselfragen sich versenkt.
Die Zeit ist’s wo in kalter KammerNur Dunkel herrscht und bittre NotZu Eis gefriert in allem JammerDas Wasser und das Stückchen Brot!
Und draußen auch im Feld, und GartenDie Vöglein klagen mat und weh –Auf Menschenliebe alle warten,Wo grausam herrschen Eis und Schnee.
Das ist die Zeit im Dunkeln träumenUnd sinnen über reich und arm –Wenn hier die Becher überschäumenUnd dort kein Tropfen lind und warm.
Im Ballsaal welken tausend BlütenAls schönster Schmuck in Frauenhand –Sie sind, je herrlicher sie glühten,Des Reichtums, nicht der Liebe Pfand!
O wollt bei ihnen recht erwägen:Es sei der Frauen IdealUm sich zu breiten Trost und Segen –Sonst ist das Leben öd und schal.
Wer nicht im Winter denkt der ArmenUnd Segen auszustreuen weiß,Wird nie zu schöner Glut erwarmen,Schmilzt allenthalben auch das Eis!
Für solche ist kein Lenzeswehen,Kein Vögelein voll Dank und Preis –Mag noch so hoch die Sonne stehen –Sie sind erstarrt in Schnee und Eis.
III.Im Februar.
Ihr Sonnenrosse empor! empor!Nun lenket höher den Wagen.In heil’gen Nächten ward klirrend das ThorSchon hinter Euch zugeschlagen.
Nicht abwärts leitet die „Neue Bahn,“Die jetzt Euch zu wandeln beschieden,Nur aufwärts und höher schreitet voranUnd Niemand soll Halt Euch gebieten!
Kurzsichtige Menschen, weil WintersgrausUnd Schnee und Eis sie umfangen,Die blicken in Zagen und Angst hinaus,Da langsam die Tage nur langen.
Sie grübeln am Herd und erwärmen sich nicht,Und haben nicht Mut und nicht GlaubenAn neue Wärme, an neues Licht –Sie hören die Rosse nicht schnauben.
Sie sehen nicht rollen das feurige Rad,Von der Sonnengöttin geleitet,Der Göttin der Freiheit, der Liebe, der That,Dran unser Hoffen sich weidet. –
Ihr Sonnenrosse empor! empor!Dann ist die Kälte vergangen –Und wer im Winter den Glauben verlorWird vom blühenden Lenz ihn empfangen.
IV.Osterfeiertag.
Vom Turme tönt in stiller SabbathfrühePosaunengruß: der Herr ist auferstanden!Er liegt nicht mehr in finstern Grabesbanden;Da wars, als wenn der Himmel purpurn glühe.
Allmählich schiens, als ob er Funken sprühe,Die Lerchen aufwärts Jubelgrüße sandten,Im Veilchenaug’ sich goldne Tropfen fanden,Und jede Knospe träumte, daß sie blühe.
Solch eine Feier mahnt beklommne Herzen,So blühend, glühend, und so sonnenhaftEin neues Leben freudig zu beginnen.
Das Grab, das Kreuz und alle bange SchmerzenSind überwunden von der Gottheit Kraft.Triumph erschallt und Freudenthränen rinnen.
V.Himmelfahrt.
Ein Feiertag im holden MaienmondWird eingeläutet von den Kirchenglocken,Den Blick zu dem, der hoch im Himmel thront,In Andachtsschauern fromm empor zu locken.
Die Erde trägt ihr schönes Festgewand,All überall ein Blühen und ein Düften!Seit Ostern stürzte finstern GrabesrandErstand ein neues Leben aus den Grüften.
Und neue Wunder überall geschehnWo Keime wachsen und wo Vöglein singen –Wohin wir hören und wohin wir sehnWill Alles aufwärts zu dem Himmel dringen.
So winkt auch die Natur zur Himmelfahrt;Im blauen Aether weiße Wolken schwimmen,Das Aug, fast glanzgeblendet, doch gewahrtWie Gold und Purpur in einander glimmen.
Wie Erd und Himmel durch den WolkenflorAm Horizonte sanft zusammenfließen,Wie Lerchen zwitschern zu dem KirchenchorUnd Alles läd zu seligem Genießen. –
So feiern wir den wunderreichen Tag,Der nach der Osterweihe uns gegebenBis ihm das hohe Pfingstfest folgen mag,Zum Himmel uns’re Blicke zu erheben.
So feiern wir die wunderreiche ZeitIn frohem Aufblick und im sel’gen Ahnen:Das Fest des heil’gen Geistes ist nicht weit,Den Weg zum Gottesreiche uns zu bahnen.
Nicht nur allein für uns sind wir bestrebtDas Gottesreich auf Erden auszubreiten:Nur wer im Dienst der ganzen Menschheit lebtDient sich und seiner Zeit und allen Zeiten.
Drum alle, die wir solchen Dienst gewählt,Des Geistes Streiter, Männer oder Frauen,Ob glücklichlebend, ob von Leid gequält,Sind wir geweiht durch Mut und Gottvertrauen.
Im Dienst der Menschheit kämpfend, treugeschartSind gleich den Jüngern wir zum Werk verbunden –Und Ahnungsschauer einer HimmelfahrtWill sich als Segen unserm Thun bekunden.
VI.Pfingstsonne.
Laßt folgen mich der Sonne Winken,Dem Pfingstenrufe der Natur,Laßt mich des Daseins Wonne trinken,Die Luft des himmlischen Azur.
Laßt mich dem hohen Ruf gehorchen,Der noch aus jeder Blüte sprach,Aus Lerchenlied am PfingstenmorgenIn einem Hauch: der Sonne nach!
Der Sonne nach: – O wie ihr WaltenDen dunklen Himmelsdom durchbricht,Ein neues Leben zu entfaltenIm Schöpfungswort: es werde Licht!
Und alles blüt und alles singetUnd grüßt den heil’gen Pfingstentag,Der neues Licht und Leben bringet,Und alles drängt der Sonne nach.
Ihr strebt die Lerche froh entgegen,Die zwitschernd hebt ihr Schwingenpaar,Zu ihr mit kühnen FlügelschlägenSteigt stolz empor der junge Aar.
Und rings vom Pfingstenruf durchglühetDrängt alles zu dem Licht hervor,Wo nur ein Sonnenfunken sprühetKlingt auch der Ruf: Empor! empor!
So wird des Geistes Ruf vernommen,Der alle Wesen aufwärts zieht,Er ist auch mir, auch mir gekommen,Empor mein Aug’, empor mein Lied!
Empor mein Sinnen und mein Denken,Der Sonne nach, dem Lichte zu!Und will die Erde dich beschränkenSo wage höh’ren Flug auch du!
Wag ihn und sink ans Herz der Sonnen,Aus dem die Gottheit zu dir sprach:Der Menschheit Heil wird nur gewonnen,Strebt sie empor – der Sonne nach!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 301-310, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Des Jahres erste Hälfte“, Fassung 3.467.162 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.