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Versbuch

Die erste Schwalbe

Louise Otto-Peters · 18191895

42 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Die Lerche hat schon längst ihr Lied gesungen,Gegrüßt den ersten warmen Sonnenstrahl,Die Primeln sind beherzt hervorgedrungenUnd Blätterknospen folgen ohne Zahl.Die neue Saat sprießt fröhlich schon hervorStrebt aus der Erde Schoß zum Licht empor.

Ein Sänger nach dem andern kehret wieder,Ein Blümchen nach dem andern kommt hervor,Wir schauen auf die Dornen spähend nieder –Da blaut und blüht ein ganzer Veilchenflor,Und junges Grün ringsum das Aug’ erquickt,Das überall nach Lenzeszeichen blickt.

Nur eines fehlt und kluge Leute sprechen:So lange wir noch keine Schwalbe sehnKann sich der Winter noch am Lenze rächen,Kann alle seine Herrlichkeit verwehnDurch Schnee und Sturm aus kaltem Ost und Nord –:Die Schwalbe nur ist unsers Frühlings Hort.

Wir dürfen keinen Frühling je vertrauenSo lang’ sich nicht die erste Schwalbe zeigt,Noch nicht beginnt ihr trautes Nest zu bauen,Noch nicht mit Zwitschern auf und niedersteigt,Und fröhlich einzieht in den alten Kreis –Sie erst bringt uns des Frühlings dauernd Reis.

Und also ist es auch im Völkerleben!Schon manchmal ward ein hartes Joch gesprengt,Schon manchmal hat es freie Flut gegebenUnd frisches Grün, das sich hervorgedrängt.Schon manchmal schiens, als sei es Frühlingszeit –Dann kam ein Sturm – und alles war verschneit!

Ein Warnungsruf! doch soll er uns nicht raubenDas frohe Hoffen, daß es Frühling wird,Den ewigen, den hohen Zukunftsglauben!Er bleib in jedem Herzen unbeirrt.Doch niemand sei in Sicherheit gewiegt,So lange nicht zum Nest die Schwalbe fliegt.

So lange nicht zu uns aus schönem SüdenIn jedes Haus ein Friedensbote kam –So lange nicht am Herde, den wir hütenDer Freiheit Lied ein jedes Ohr vernahm –So lange nicht von allen Dächern redenNach kecker Schwalbenart die Volkspropheten!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 226-227, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die erste Schwalbe“, Fassung 3.493.874 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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