Des Lebens Lied
Louise Otto-Peters · 1819–1895
30 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Als ich in zarter Kindheit TagenVersteckt mein erstes Lied gesungen,Mit tiefem AugenniederschlagenDas Wort vernahm: es sei gelungen!Da weint ich, daß man es erlauscht,Und war doch stolz und glückberauscht.
Nicht Lob noch Ruhm mocht’ ich begehren,Vor niemand wollt ich eitel glänzen,Ich dachte nie an äußre Ehren,Ich träumte nie von Lorberkränzen;Noch höher Ziel mein Herz mir riet:Mein ganzes Leben sei ein Lied.
Ein Lied, vor Gottes Thron gesungenIm höh’ren Chor, in Himmelsnähe,So von Begeisterung durchdrungen,Daß nur Begeistertes geschähe,Daß alles Sein in PoesieVor mir ersteh’ und anders nie!
Und anders nie! – ein kühnes Sinnen;Doch was ich wollt’, hab ich gehalten –Die Prosa jagt ich stolz von hinnen,Vergönnt ihr nie ein stetig Walten;Hoch ging mein Flug, und HimmelsscheinVerbannte alles, was gemein.
Wird einst mein letztes Lied ertönen,Nach allen Kämpfen schwerer Zeiten:Mein Leben war ein Dienst des Schönen,Der Trost soll an mein Grab mich leiten;Ich danke Gott, der mir beschied:Mein ganzes Leben war ein Lied.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 314-315, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Des Lebens Lied“, Fassung 3.467.179 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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