Die Nachtigall von Werawag
Louise Otto-Peters · 1819–1895
92 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1893
I.
Vom Schwarzwald wie ein Silberstreifen,Die blauen Donauwellen eilen –Fast lockt’s, die Blumen selbst zu greifen,Die doch am andern Ufer weilen,So ruhig wogt sie hin, so schmal,Durch Wald und Fels im engen Thal.
Dort wo auf hohen BergesrückenViel alte Burgruinen stehen,Zum Schrecken bald, bald im BeglückenZum jungen Strom herniedersehen,Da hört ich einst im BlüthenhagDie Nachtigall von Werawag.
Die steile Höhe war erklommen,Zum Abgrund schaut ich schwindelnd nieder,Da hab’ in Tönen ich vernommenDas Echo alter MinneliederDie einstens sang zum HarfenschlagHerr Hug und Ott von Werawag,
Das waren edle Minnesänger,Die einst auf dieser Burg geboren,Das Saitenspiel, je mehr, je länger,Statt rauhen Waffendienst erkoren,Erst leis’ dann lauter sang danach,Die Nachtigall von Werawag.
Ein Mägdlein, eine stolze Schöne,Dem adligem Geschlecht entsprossen,Sie hörte früh der Harfen Töne,Die Harfner waren ihr Genossen,Als Ahnen standen sie ihr nah.Wars’ da ein Wunder, was geschah?
Lütgarde diente selbst dem SangeDer Minne, den sie früh vernommen,Gehorchend einem süßen Drange,Der machtvoll in ihr Herz gekommen,So hieß sie denn seit diesem Tag:Die Nachtigall von Werawag.
Du Mädchenherz aus alten Zeiten,Dein Lob um Minnesang und MinneWill Dir ein ander Weib bereiten!Denn es kommt nicht aus meinem Sinne,Was mir von Dir die Donau sprach,Du Nachtigall von Werawag!
II.
Einst hörte in der Burg KemnatenLütgarde, da es draußen stürmte,Die Mutter mit dem Vogt beraten,Wie man zwei fremde Reiter schirmte,Die wohl verirrt, als sank der Tag,Einlaß begehrt, auf Werawag.
Kaum nennt der Aeltere der beiden,Den jüngeren: Rudolf, den Sänger,Da tönten bald der Harfen Saiten.Mit süßen Klängen, eng und engerUmwob in Tönen ZauberbannDie Jungfrau und den fremden Mann –
Da er geschieden, ging die Märe:Es sei der Kaiser selbst gewesen,Der hier verirrt von ungefähreSolch stillen Aufenthalt erlesen.Doch bald verkündet ward mit Hohn:Der Fremde war ein Bürgerssohn.
Mit Lächeln hörte es Lütgarde:Wer also hold die Saiten rührteWar ihr ein gottgesandter Barde.Ob er ein stolzes Wappen führte,Die Krone trug –: ihr galts nicht mehr –Dem Sänger nur gab sie die Ehr’.
Dem Sänger nur gab sie die Seele –Sie wies zurücke jedes Werben:Und daß sie niemals sich vermähleViel lieber wollt als Jungfrau sterbenGab stets zur Antwort jeder Frag’,Die Nachtigall von Werawag. –
Da einstens ist der Tag gekommen:Zu Freiburgs Mauern sieht man’s wallen,Ein herrlich Paar zieht glückumschwommenIn die geweihten hohen Hallen.Das ist der frohe HochzeitstagDer Nachtigall von Werawag.
Der Bürgerssohn im Dienst der Minne,Im Dienst des Sanges und der Seinen,Den Bürgern all’, die im GewinneErsehnter Freiheit ihm sich einen,Dem Sänger, der die Holde freit,Die Nachtigall, die ihm sich weiht.
Sie ließ das Raubschloß ihrer AhnenMit seinem blut’gen HeldenruhmeUnd wandte sich auf neuen Bahnen,Zu des Geliebten Bürgertume,Die Nachtigall von Werawag,Vereint mit ihm des Sanges pflag.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 286-290, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Nachtigall von Werawag“, Fassung 3.541.172 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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