Zum Inhalt springen
Versbuch

Wartburg

Louise Otto-Peters · 18191895

259 Zeilen in 33 Strophen · zuerst gedruckt 1893

I.

„Hier, diesen Harnisch hat ein Weib getragen“,Sprach in der Burg der alte Kastellan.Wohl gilt’s jetzt nicht, das Herz in Erz zu schlagen.Daß nicht ermordend ihm die Feinde nahn!Mein weiblich Herz wollt ihr mit Gift verwunden –Wohl bitter hat es euer Thun empfunden!Doch mag es nimmer andern Schirm und Schild,Als die Begeistrung, die vom Herzen quillt.

Hoch am Himmel stand die Sonne,Gleich einem Engel mit goldenen FlügelnAusgesendet vom Thron des Höchsten,Zu segnen die Erde mit Glanz und Wärme.

Und der Engel breiteteDie strahlenden Arme weit aus –Und es war als zög er die aufatmende ErdeNäher dem Himmel, näher der Gottheit.Goldene Strahlenringe zog der Engel von seinen Fingern,Verteilte sie dahin und dorthin;Und die Ringe wurden zu Heiligenscheinen,Zu Himmelsglorien auf den Gipfeln der Berge,Dahin sie der Engel geworfen.

Und solch eine Himmelsglorie,Solch ein Heiligenschein krönte noch einmalDie Krone der Burgen des Thüringer Waldes:Die uralte Wartburg.

Ich stand und schaute.So lange ich daheim verweiltEin spielendes Kind, eine sinnende JungfrauAn den Ufern der Elbe, wo uralte BurgenVerwitterte Klöster unheimlich mahnenAn des Mittelalters eiserne Gestalt:An den Ufern der Elbe, wo grünende RebenMit reifenden Trauben verheißend mahnenAn der neuen Zeiten gärende Gewalt.So lang ich daheim verweilt an den Ufern der Elbe,Den reben- und burgbekränzten, so lange auch weilteDie Sehnsucht in meiner Brust nach der Krone der BurgenDes Thüringer Waldes: der uralten Wartburg.

Nun stand sie in Himmelsglorie mit dem HeiligenscheinVor den trunkenen Blicken.Meine Hände waren gefalten,Thränen mir in den Augen wallten,Nieder ein Tropfen fiel:Ich war am Ziel.

II.

Hinauf die Berge, die waldumkränzten,Hinauf zur Burg, der erinnerungsreichen! –Noch steht sie da ein heilig sichres Zeichen,Daß was in ihr gekämpft ward und gestrebtAuch wir ersiegen, wenn wir nimmer weichen

Gegrüßt! gegrüßt, Du Veste des Vaterlands,Du deutsche Burg mit dem deutschen Namen.„Wartburg“! Ach, nur zu deutsch,Denn wo auch der Deutsche sich eine Burg mag bauenZu wahren seine heiligen Rechte,Da läßt man ihn warten! –Und er wartet geduldig – wie lange noch?! –

Und drinnen im hochgewölbten RittersaalWinkt zwischen gothischen SäulenDas Bildnis einer Heiligen.Ja, einer Heiligen, die ich heilig preise,Ob ich auch oft gehöhnt und verspottetDie heilig gesprochnen, gebeugten Gestalten,Die ’s nur mit Fasten und Träumen gehalten.Die sich gegeißelt, die sich gemartert,An ihrem Leibe gefreveltIm frechen, thörichten WahnsinnUm die Gunst des Himmels zu buhlen.Ob ich auch bilderstürmerisch im GemüteOft gestanden in Kirchen und Klöstern,Wo Götzenbilder geprangt mit HeiligenscheinenWeil sie die Menschheit frevelnd entmenschlicht, –Es verstummte das scheltende WortUnd der Spott auf der Lippe –Und eine fromme Thräne trat in mein AugeVor Deinem Bildnis: Heil’ge Elisabeth!

Die goldene Grafenkrone,Den eitlen schimmernden ReifNahm sie demütig aus den LockenDem gegenüber,Der einst eine Dornenkrone getragen.Ihm hatten nichts gegolten Purpur und Kronen,Und nichts die Macht auf goldenen Thronen,Ein Kind aus dem VolkeHat er’s gehalten mit den Armen und Niedrig gebornen,Mit den Verachteten und Verstoßnen.Die Hungernden hat er gespeist,Die Kranken hat er geheilt, den Schwachen vergeben.Und mochte nie den ersten Stein erhebenAuf eine schwache Sünderin.Und wie er lebte für das arme VolkIst er gestorben für die AusgestoßnenUnd hat als seine Erben hinterlassen,Die Armen aller Völker, aller Zeiten,Die Armen alle, die er Brüder nannte,Und die ja um uns sind noch alle Zeit. –

Das wußte wohl Elisabeth!Sie hat die große Erbschaft angetretenBei ihres Landes, ihres Volkes Armen:Sie hielt’s nicht nur mit Fasten und mit Beten,Sie hatte für die Leidenden Erbarmen, –Hernieder stieg sie von der WartburgZu den Bekümmerten, und als graunvolle HungersnotDen Segen aufgezehrt und bleiches ElendWie ein grausiger Fluch wandeln ging durch die Lande,Kehrte Elisabeth wieder die Flüche in Segen,Gab was sie hatte, sich selbst nicht besser achtendAls die Geringsten im Volke.Doch als der Gatte ergrimmt ob so reichlicher Spenden,Da wandelten sich unter ihren HändenDie Brote in Rosen –Doch war sie entronnen den Augen der SpäherUnd stand unter den bleichen Gestalten der Not,Da wurden wieder die Rosen zu Brot.

Und in der helligen WundermäreRuht eine Lehre für unsere Zeiten:Seht Ihr die Kindlein Blumen pflücken,Den duftenden Strauß in den Händen der Not,So wandelt die Blumen zu Brot.

III.

Und drinnen im hochgewölbten RittersaalFeiertest Du, göttliche Himmelstochter,Poesie, Deinen edelsten Sängerkrieg!Damals zogen die Sänger noch einIn die Hallen der Fürsten und Großen,Priesen der Minne Glück, priesen das VaterlandWaren geächtet noch nicht und verstoßen.Die Großen fühlten höchlich sich geehrt,Wenn der Poet bei ihnen eingekehrt.Das ist vorbei!Wohl giebt’s noch Sängerkriege,Aber in anderem SinneAls einstens der Sängerkrieg ward gefochtenIn deinen Hallen, uralte Wartburg.Krieger sind jetzt die SängerGottentflammte begeisterte Volkstribunen.Aber nicht um einander zu entreißenRuhmespsalmen singen und kämpfen sie –Nein, eine höhere SendungIst jetzt den Dichtern geworden.In gleicher GesinnungStehen und kämpfen sie nebeneinander;Ziehen nicht ein in die Hallen der Großen,Sie sind daraus verstoßen –Haben sich selbst verbannt.Draußen aber bei allem VolkIn den Hütten der Armut,Vor den Kerkern UnschuldigerSingen sie ihre Weisen:Von den Rechten der Unterdrückten,Von der Freiheit der Gefesselten,Von den Freveln der Reichen,Von der Teilung der Arbeit und des ErbesFür alle Menschgeborenen!Das ist ein Sängerkrieg, ein neuer, heiligerUnd sicher ist sein Sieg.

IV.

Und mich umklang es wie brausender Sturm!Wie Orgelklang hört ich’s tönen,Und laut in den innersten Tiefen der SeeleVernahm ich ein feierlich Wort,Das wie ein Echo von diesen WändenMir wieder und wieder erklang,Es war das Wort aus dem alten GesangDes mutigen Mönches vergangener Zeit,Der mit diesem Lied seine Zelle geweiht.

„Und ob die Welt voll Teufel wär’Und wollt uns gar verschlingen,So fürchten wir uns nicht so sehr,Es muß uns doch gelingen!“

Ja, Luther hat vor Menschen nicht gezittertUnd nicht vor einer Welt voll Teufel!Kam dennoch der Versucher, ein zagender ZweifelDa faßte der kühne Mann das TintenfaßUnd warf’s dem Dämon siegvoll hin.So hat er protestirt gegen die LügenbrutSo protestieren wir: schleudern die TintenflutUnsrer Begeistrung StrömeGegen die Frömmler und PharisäerGegen all die Philister und SpukgestaltenDie’s mit dem Teufel halten,Der wider Recht und PflichtUnd wider Freiheit ficht.Wir werden nimmer die Waffen streckenBis alle Feinde rings vernichtetUnd alles Dunkel aufgelichtet.Gilt’s nicht zu handeln – gilt es doch zu schreiben.Es soll das Wort den Lügengeist vertreiben:„Das Reich Gottes muß uns bleiben! –“

V.

Sinnend stand ich, traumverlorenVor dem kleinen Altar in der Kapelle.Schwarze Gewitterwolken waren aufgezogenSüdlich am Himmel.Mitten in die purpurne AbendröteZuckten goldene Blitze flammend in Siegesgewißheit,Und dennoch schnell verschwindend –Also zuckte durch meine Seele,Blitzend ein GedankeEine Gedächtnistafel schwarz-rot-goldenIn meinem Innern enthüllend.Und auf der Tafel stand mit leuchtender Schrift:Tausend achthundert und siebzehn.

Und ich stand vor dem AltarVor dem damals die deutsche JugendSiegesmutig gestanden,In allgemeiner LiebesverbrüderungSich die Hände gereicht und das vaterländische BündnisAuf die Hostie feierlich beschworen.

Und ich stand vor dem AltarThränenden Auges!Und doch fühlt ich wie sie, wie die hoffende Jugend,Jugendkraft in den AdernFreiheitsglut – TodesmutFür die heilige Sache des Vaterlands! –Aber ich stand und weinte.

Auch das mutige AufjauchzenAus dem Herzen der deutschen JugendDurfte nicht frei in die Lande dringenDurfte es damals nicht – darf es auch heute nicht –Denn es will mich bedünken:Als habe der Argwohn selbst eine Burg erbautMitten im deutschen Land – auch eine Wartburg!

VI.

Sinnend trat ich hinausIn den mauerumgebenen Schloßhof,Wo junge Gräser sproßten, Kinder der neuen Zeit,Die nichts gesehen von der vergangenen Tage Herrlichkeit,Von der vergangenen Tage Leid.

Hinter den wallenden WolkenSchaute noch einmal ruhig strahlend hervor,Die unvergängliche Klarheit der Sonne.Und beleuchtete zu meinen Füßen,Ein Werk der spielenden Natur,Im dreigeblätterten Klee – ein Vierblatt.

Ich pflückt’ es als Angedenken – als vierfachesAn diese Burg, die erinnerungsreiche,Und that dabei einen Schwur, einen vierfachen:

Elisabeth, die Heilige,Sei mir ein Vorbild in stiller DemutIn allumfassender MenschenliebeDer Armen mich zu erbarmen.

Und in dem Sängerkrieg, dem neuen, heiligenWill ich stehen und fechten, bis mit dem letzten LiedDer letzte Odemzug der Brust entwallt!

Und protestieren will ich nach Luthers Wort,Und für den freien GlaubenMit freier Rede in die Schranken treten! –Und fest verbrüdert mit der deutschen JugendWeih’ ich dem Vaterlande all mein Streben, –So steh ich ernst und frei vor allem Volk.

Und wollt Ihr nun mich höhnen und verdammen,Weil nur die schwache Jungfrau zu Euch spricht:Nicht löschen könnt Ihr der Begeist’rung Flammen,Könnt sie nur schmähen, aber dämpfen nicht,Und wenn mein Herz von Euch verstoßen, bricht,So bricht’s mit Luthers Worten doch zusammen:„Gott helfe mir! – doch anders konnt ich nicht!“ –

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 78-89, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Wartburg (Louise Otto)“, Fassung 638.549 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Louise Otto-Peters

Alle Gedichte von Louise Otto-Peters ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Biedermeier und Vormärz

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.