Die Wachtel
Louise Otto-Peters · 1819–1895
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Der Mond vergoldet schon die Ähren,Die Wachtel schlägt im hohen Korn,Ein Lockruf tönt, ein hold GewährenWie aus „des Knaben Wunderhorn.“
Und unterm Landvolk hör ich’s sagen:„Wo sich ihr Nest die Wachtel baut,Hat nie der Blitz noch eingeschlagen,Der Hagel sich nicht hingetraut.“
Drum tönt’s wie eine frohe KundeDurch’s ganze Dorf für Jung und Alt:„Die Wachtel baut im Wiesengrunde,Ihr trauter Ruf ringsum erschallt!“
Die Saat der Freiheit wuchs und wallteSchon oft in Halmen hoch empor,Und mancher Freudenruf erschallteOb ihres Blühens schönem Flor.
Da kam es wie mit Donnerwettern,Und Blitz und Hagel fielen schwer,Die stolzen Halme zu zerschmettern –Am Boden lagen sie umher. –
O sagt: wann wird die Wachtel bauenAuf dieser Flur, in diesem Feld,Daß wir die Halme sicher schauen,Wenn gut der Freiheit Saat bestellt?
Noch haben wir kein sichres Zeichen,Daß nicht ein Wetter sie verheert –Am Himmel dunkle Wolken schleichen,Drinn steckt der Blitz als Feuerschwert.
Und wird er aus der Scheide fahren,Trifft er der Freiheit grün Gebiet,Dann tröstet nur: „Vielleicht nach Jahren!“ –Das ist ja Euer altes Lied!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 109-110, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Wachtel“, Fassung 3.579.753 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.