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Versbuch

Friede?

Kurt Tucholsky · 18901935

28 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 23. Mai 1919

Von Theobald Tiger

Ihr schlagt den Besiegten kurz und kleinund laßt ihn verdorren und sticken.Ihr raubt an der Weichsel und am Rhein,wir sollen ein Amen euch nicken.Ihr sprecht vom Säbel und seiner Gefahr,von teuflischen deutschen Listen,die Schuld am Kriege sei klipp und klar –Und ihr?Die dicksten Imperialisten!

Ihr gebt den Polen, wie ihr sagt, ihr Recht.Ihr beglückt sogar noch die Dänen.Ihr rechnet nach bis ins sechste Geschlecht.Ihr handelt in Kühen und Kähnen.Den andern gebt ihr, was ihnen gebührt,zum Heile wohl für Pazifisten …Ihr wollt nicht, daß je einer Kriege führt –Und ihr?Die dicksten Annexionisten!

Und ihr? Ihr spracht vom Völkerbund.Wir trauten den vierzehn Punkten.Wir dachten, ihr machtet Europa gesund,als wir Waffenstillstand funkten.Jetzt hetzt ihr aufs neue Nation auf Nationund schiebt unglaubliche Kisten …Friede? Das ist der blanke Hohn!Und ihr?Die fettesten Nationalisten!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ulk Jahrgang 48. Nummer 21. Seite 74, Rudolf Mosse, Berlin, 23. Mai 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Friede?“, Fassung 2.308.677 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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