Freundliche Aufforderung
Kurt Tucholsky · 1890–1935
24 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Ich bin ein dicker, aber reiner Knabe,von treuer, braver, biederer Ehrlichkeit;ich freu mich an dem bißchen, das ich habe,und geh in schmucklos grauem Bürgerkleid.Doch würd auch ich das goldne Kalb umhuppen,nennt mir ein Schieber eine große Zahlund deutet auf den Kaffee tief im Schuppen:„Na, wollen wir mal?“
Michel steht auswärts. Sei es in Rumänien,sei es in Belgien, seis in der Türkei –Und in der Heimat sitzen nur die wenigen,die gründen eine Vaterlandspartei.Der Kammerherr reicht zierlich wie zum Tanzedie Fingerspitzen einem General;stehn sie parat, dann fragt der Chef vons Ganze:„Na, wollen wir mal?“
Der Friede ist ein junger, eleganterFlaneur auf jenem Boulevard der Welt.Von Tag zu Tag wird er nur noch scharmanter,doch scheints, daß er den Damen nicht gefällt.Da gehn nun so viel, mit und ohne Schleier,in Poirets Stoff, in Schottlands buntem Schal –und keine, keine spricht zu ihm als Freier:„Na, Kleiner? wollen wir mal?“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 27, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Freundliche Aufforderung“, Fassung 3.780.047 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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