Frohe Erwartung
Kurt Tucholsky · 1890–1935
36 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Vater Wrangel, jener alte guteGeneral von Anno Dazumal,zog beim Klange einer Aufstands-Tuteaus Berlin, weil man es so befahl.Und sie drohten ihm sein Haus zu sengen,seine Frau Gemahlin zu erhängen,bis er dann zu großem Gramder Rebellen wiederkam.Heftig blasend ritt man durch die Linden,voller Sehnsucht, seine Frau zu finden.Weich und lind entfuhrs dem alten Knaben:„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?“
Nimmer will mich dieses Wort verlassen,Heut noch lebt die alte Reaktion.Heute noch ist sie so schwer zu fassen –Brennglas, der versuchte es ja schon.So viel Jahre steck ich schon im Kriege,denke an die Panke meiner Wiege,an mein Preußen, an Berlinund die Junker von Malchin.Nie vergeß ich in dem fremden LandeMutter Reaktion und ihre Schande.Voller Hoffnung sinn ich oft im Graben:„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?“
Da zu Haus, bei Vatern auf dem Boden,liegt ein großes buntes Fahnentuch,mitten im Gerümpel der Kommoden,in dem Schummer voller Staubgeruch …Und beim Urlaub sagte mir der Alte,oben hängt er durch die Bodenspalteseine Fahne in den Wind,wenn wir erst zu Hause sind.Das war Fünfzehn. Und bei jedem frischenWechsel an den deutschen grünen Tischenbitt ich um die schönste aller Gaben:„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 38-39, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Frohe Erwartung“, Fassung 3.779.351 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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