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Versbuch

Entsagung

Karl Streckfuß · 17781844

128 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1804

Ein dichter Nebel schwamm auf meinen Loosen,Die Zukunft hüllten düstre Wolken ein.Ich hörte schon des Lebens Stürme tosen,Und sahe rings umher Gefahren dräun.Mit schwachem Kahn auf wildempörten Wogen,Geschleudert von der grimmen Winde Wuth,War mir der heimatliche Strand entflogen,Und rings umschäumte feindlich mich die Fluth.

Kein Stern erschien die irre Fahrt zu leiten,Und düstre Nacht umhüllte meinen Blick,Versinken galt es, oder muthig streiten;Nur Muth, sprach ich, besieget das Geschick.Komm denn, o Schicksal, ich will mit dir kämpfen!Nicht ängstlich stockt bey deinem Zorn mein Blut;Mir gab Natur um deinen Stolz zu dämpfen,Der Sehnen Kraft, des Herzen frohen Muth.

Die Welt ist groß, in ihren weiten RäumenBlüht überall der Freude Ros’ empor.Die holden Blumen, Lieb’ und Freundschaft keimenSelbst aus des Felsen hartem Schooß hervor.Oft wenn am öden freudenlosen StrandeDie letzte Hoffnung treulos mich verließ,Schuf ja allmächtig sich im dürren SandeDas reiche Herz ein holdes Paradies.

So dacht’ ich sonst, und schaute frohen Blickes,Und stolz und kühn auf meine Zukunft hin,In mir fand ich die Quelle meines Glückes,In mir des Lebens köstlichsten Gewinn.Der Frohsinn war mein lächelnder Begleiter,Komm, sprach er, komm, ich führe dich zur Ruh —Und freudig glaubt’ ich ihm, und strebte weiterVoll Muth und Kraft dem schönen Ziele zu.

Doch ach! in düstre Traurigkeit versunken,Flieht irr und scheu mein Auge jetzt umher,Verloschen ist des Muthes letzter Funken,Die stolze Kraft füllt nicht den Busen mehr.Ich weiß es, was der Zukunft Schleyer decken,Ich kenne nun das Loos, das meiner harrt,Und grausam drohende Gestalten schreckenMich im Genuß der schönsten Gegenwart.

Du bist allein das Ziel von meinem Streben,Dich will ich nur im ganzen weiten All,Und ohne dich kann nichts mir Freude geben,Ist Glück und Lust mir nur ein leerer Schall.Schnell muß sein Haupt der junge Frühling beugen,Wo du nicht bist — der bunten Wiesen PrachtErbleicht, und alle Lebenslaute schweigen —Der goldne Tag verglüht in dumpfer Nacht.

Ich liebte dich — da stieg ein schöner MorgenAn meinem Himmel jugendlich empor,Die seel’ge Kraft, in meiner Brust verborgen,Brach schnell entzündet, wunderbar hervor.Kommt her, o Welten, rief ich mit Entzücken,Des innern Reichthums plötzlich mir bewußt,Kommt her, o Welten, ich will euch beglücken,Für alle quillt die Freud’ in meiner Brust.

So sah ich mich in deiner Blicke Spiegel,So fühlt’ ich mich bey deinem warmen Kuß,So hob mein Geist empor die leichten Flügel,Vergaß sich selbst im göttlichen Genuß.Mich hatten seel’ge Himmel aufgenommen,Der Erdensorgen letzter Schatten wich,Und wunderbar vor hoher Lust beklommen,Wer, rief ich, wer ist glücklicher als ich.

Sie kennet mich, sie hat mich ganz ergründet,Sie weiß es, was in meinem Innern lebt,In meinem Blick in meiner Rede findetSie, was das Herz zu sagen sich bestrebt.Ein Blick, ein Wort, ein Händedruck genüget,Ein Seufzer, der der Brust sich halb entwand —Ihr Lächeln, das die Lippen leicht umflieget,Es sagt mir deutlich, daß sie mich verstand.

So hatt’ ich mich im Wonnerausch verloren,So gaukelt’ um mich Liebe Lust und Scherz,Doch aus der Freude sanftem Schooß geboren,Tobt nun in mir mit wilder Kraft der Schmerz.Ich habe nur den Weg zum Licht gefunden,Um zu versinken in die ew’ge Nacht;Der Arm des Glückes hat mich nur umwunden,Mich auszuliefern in des Leidens Macht.

Kaum hatt’ ich dir der Liebe zartes Sehnen,Das liebliche Geheimniß kaum vertraut,Kaum hattest du mit schüchtern leisen TönenErröthend mir ins Angesicht geschaut,Kaum schmolz, bey deines ersten Kusses Wonnen,In Harmonie mein ganzes Wesen hin,So war auch meine Seeligkeit zerronnen,Verwelkt die Blume vor der Furcht Beginn.

Denn schrecklich naht in meiner Freuden MitteMir eine düster drohende Gestalt,Fort, zürnt sie, fort, beflügle deine Schritte,Du mußt sie fliehn, die Scheidestunde schallt —Nicht hoffe, sie hienieden mehr zu sehen,Auf ewig trennt euch meine strenge Hand,Du sollst allein, verwaist durch’s Leben gehen,Sie wieder finden erst an Lethe’s Strand.

So ist, Geliebte, nun mein Loos entschieden,Verloschen ist der Hoffnung goldnes Licht,Und keine Freude lacht mir mehr hienieden,Kein Stern erscheint, der meine Nacht durchbricht.Entfernt von dir, zernagt von düsterm HarmeFührt mich durch Dornen meiner Zukunft Pfad,Bis tröstend einst mit offnem Freundesarme,Der Tod sich mir, ein holder Retter naht.

Dort, wo ein ängstlich quälendes VerlangenNie mehr der Freude zarte Blume beugt,Wo von dem Arm der Ruhe sanft umfangen,Die Leidenschaft im seel’gen Busen schweigt,Dort, wo genährt Ton ungetrübtem Glücke,Der Liebe Gluth im reinen Herzen brennt,Wo nicht mehr grausam waltend das Geschicke,Die Liebenden mit bitterm Hohne trennt;

Dort komm’ ich einst vollendet dir entgegen —Du kennest mich, du eilst mir freudig zu,Und Hand in Hand, auf sanft gebahnten Wegen,Durchwandeln wir das stille Land der Ruh;Im Vollgenuß unwandelbarer Freuden,Von allen Erdenlasten los und frey,Fliegt dann noch einmal vor der Erde LeidenDer reine Sinn, der heitre Blick vorbey.

So lebe wohl denn — Weit von dir vertrieben,Bleibt ewig mir dein theures Bild zurück.Ich schwör’ es dir, ich will dich ewig lieben,Und dieß sey fortan mein Beruf, mein Glück.Der Liebe Schatz soll keine Zeit mir rauben,Wohin mich auch des Lebens Welle trägt,Und ewig halt’ ich an dem süßen Glauben,Daß fühlend auch für mich dein Busen schlägt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 73 - 80, 1, J. V. Degen, Wien, 1804
Digitalisat
de.wikisource.org — „Entsagung (Streckfuß)“, Fassung 1.448.886 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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