Ihro Kaiserlich-Königlichen Majestät der Kaiserin Alexandra Feodorowna von Rußland
Karl Streckfuß · 1778–1844
119 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1834
Aus dunklem Quell entspringt die Wissenschaft,Aus jenem Quell, in dem die Urkraft wohnt,Die aus des Waizens Korn den schlanken HalmUnd Blüth’ und Aehren ruft zum heitern Licht;Die aus dem Kern der Frucht den stolzen BaumMit reicher Last empor zum Aether treibt;Und was an Saat im Grund vergraben liegtZu schöner Form sich frei entwickeln läßt.Aus jener Quelle Kraft entspringt der TriebZu wissen, und das, was dem Geist bewußt,Zu einen und zu bilden zur Gestalt,Die aufwärts steigen soll zum heitern Licht,Und Licht verbreiten soll rings um sich her –Und wie die Schöpferkraft sich mannigfachIm Weltall zeigt, so, daß nicht Blatt und BlattGleich ist am Baum, nicht Halm und Halm im Feld;So schuf sie auch die Geister, thätig die,Empfänglich jene, sämmtlich zugewandtVerschiedner Richtung mit verschiedner Kraft,Damit das vielgestalt’ge Leben ganzVom Hauch der Wissenschaft durchdrungen sey.
Im Geiste nun, in dem die Thatkraft wohnt,Entwickelt sich und sprießt empor die Saat,Ob milder Regenguß sie netzen mag,Ob nicht, nothwendig und durch eigne Macht.Doch soll sie zum vollendeten GebildZu heitern Höh’n, zum vollen Licht gedeihn,Und Licht austheilen den Empfänglichen,Dann gnügt nicht mehr der Trieb der innern Kraft,Dann ist die Hand des treuen Gärtners noth,Die stützen muß den schwanken jungen Baum,Ihn sorglich pflegen muß und in VerbandMit Bruder-Bäumen bringen andrer Art,Die sich aufwachsend fördern gegenseits,Die Frucht belebend, die wie SonnengoldDann aus den vollbelaubten Zweigen glänzt,Und immer schöner glänzt zum Gipfel hin.Wegräumen muß der Gärtner wild Gestrüpp,Das in der Pflanzung rings den Grund bedeckt,Das jenen klaren sonnengoldnen ScheinNicht bis zum Boden leuchtend dringen läßt;Das, wild verwachsen, selbst die reife Frucht,Wenn sie dem Baum’ entfällt, bedeckt, verbirgt,Daß nicht sie der Bedürft’ge fassen kann.
Die treuen Gärtner, edle Fürsten sind’s,Die klar erkennen, daß der Staaten MachtUnsicher, schwankend, ruht auf roher Kraft,Mit ihrem blinden und verworrnen Trieb;Und daß nur ihrer Völker klarer Geist,Der leicht das Recht’ erkennt und es erwählt,Dem heil’gen Thron die sichre Stütze beut.
Dies sehn wir schön bewährt in unserm Land,Dem glücklichen, in dem ein Vater herrscht,Der glücklich ist in seiner Kinder Glück,Dem wahren Glück, das nur im Lichte blüht.Drum fördert Er mit treuem VatersinnUnd königlicher Macht die Wissenschaft,Daß Jeglichem in Seinem weiten Reich,Ob thätig, ob empfänglich sey sein Geist,Nach seiner Kraft, nach seines Wirkens KreisSein angemessner Theil beschieden sey,Und nie und nirgend walt’ unseel’ge Nacht.Und durch das Licht, das Er verbreitet hat,Sieht Ihn im Licht selbst sein treues Volk,Und sieht Ihn klar – drum liebt und ehrt es Ihn;Gern thut’s, wie Er gebeut – denn es erkennt:Das Recht’ und Gut’ ist’s nur, was Er gebeut.Drum liebt’s und ehrt’s die Seinen, die Er mildGeleitet hat auf seinen eignen Pfad.
Mit dieser Lieb’ und dieser Ehrfurcht nahn,Erhabne Herrin, heut wir Deinem Blick,Der, milden Sternen gleich, auf dieses LandVon Deinem ersten Seyn geleuchtet hat,Drob freudig stolz es Dich die Seine nennt.Wie Du von Jugend auf der Tugend BildVoll Würd’ und hoher Anmuth und gezeigt,Wie Du so mild, was menschlich schön und gut,Geehrt, geliebt, gefördert und gepflegt,Noch ist es unvergessen allem Volk,Das weinend, doch mit heißem Segenswunsch,Dir nachgesehn, als Dich ein groß GeschickBerief zur Zier dem höchsten Thron der Welt,Und das mit Wonne Dir entgegenjauchzt,Wenn ins erhabne Königs-VaterhausDu wiederkehrst, beglückend und beglückt.
Doch wir, die unser Königlicher Herr,Dein Vater, mild berief, daß im VereinWir walten sollten für die Wissenschaft,Damit auf einem Punkt jedweder Strahl,Wie mannigfach er einer Sonn’ entquillt,Zu einem lichten Glanz vereinigt sey,Der wärmend leuchte durch das ganze Land;Wir theilen nicht des Volkes Wonne nur,Die jubelnd, hohe Herrin, Dich empfängt,Und führt vor Deinen Blick besondrer Dank.Denn weit hin leuchten will die WissenschaftUnd mehrt den Glanz, je weiterhin er strahlt.Und Du, die Du im größten ErdenreichDen heil’gen Thron mit einem Heros theilst,Der herrscht und strebt in Deines Vaters Sinn;Du, nicht vergessend Deines Vaterlands,Du hast ein neues schönes Band geknüpft,Das deutsche Wissenschaft verbunden hatMit jenem unermeßlich weiten Reich.Dort wirkt und waltet sie, von Dir gepflegt;Und so, wie deutschen Männern, ihr geweiht,Auf Ruf vom Thron dort frohe Heimath ward,So eilen Rußlands Jünglinge herbeiAus eigner Wahl und auf des Herrschers Wort,Zu schöpfen aus des deutschen Wissens Quell.
Heil, Alexandra, Dir! Wie Thron und ThronDurch Dich verbunden sind zu festem Bund,Zur Macht nach außen und zum innern Glück,So schlingt durch Dich sich auch ein geistig BandUm Volk und Volk, das enger fester wirdVon Jahr zu Jahr. Wie Dich die Mitwelt preis’t,So preis’t die Nachwelt Dich, so hier wie dort,Und ruft uns nach: Heil, Alexandra, Heil!
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Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Carl Streckfuß: Neuere Dichtungen. Halle: C. A. Schwetschke und Sohn; 1834. Seite 129–134, 1. Auflage, C. A. Schwetschke und Sohn, Halle, 1834
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gedicht, Ihro Kaiserlich-Königlichen Majestät der Kaiserin Alexandra Feodorowna von Rußland“, Fassung 3.778.882 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.
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