Das Gastmahl des Theoderich
Karl Streckfuß · 1778–1844
144 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1834
Wild tobt beim kriegerischen SchmauseDie Lust zum schäumenden PokalUnd wälzt sich, gleich dem Meergebrause,Hin durch den hochgewölbten Saal.Bald in der Brust der rauhen ZecherEntflammt die Freude sich zur Wuth.Schon klirrt das Schwert zum Klang der Becher,Schon mischt dem Weine sich das Blut.
Wie kann in königlichen Hallen,O greiser Held, Theoderich,Dir die Barbarenlust gefallen?Was stürzt in solchen Wirbel dich?Dich, den die Herrscher zagend preisen,Den Helden mit der klaren Kraft,Den Schüler und den Schutz der Weisen,Den Hort der Kunst und Wissenschaft?
Dich, der du um die Unterjochten,Noch voll von Haß und Schrecken jüngst,Der Liebe festes Band geflochten;Der du ein greises Volk verjüngst,Und durch Gerechtigkeit und MildeItaliens hellen Glanz erneust,Und in verödete GefildeDes Glückes reichen Samen streust?
Erliegt die freie, starke Seele,Der schönsten Thaten sich bewußt,So gänzlich unter Einem Fehle?Zerdrückt er ganz die Heldenbrust?Du suchst dir selber zu entweichen,Du fliehst vor deiner Schuld und Schmach,Doch ihre Schreckgestalten schleichenZum lauten Mahl dir grinsend nach.
Er hat zwei Treffliche getödtetIn seines Zornes blindem Wahn,Und nun, wohin er flieht, da röthetIhr Blut des flücht’gen Fußes Bahn.Weh! daß er selbst im Glanz der SterneIhr brechend Auge schauen muß!Ihm zürnen nah, ihn drohen ferneBoëthius und Symmachus.
Jetzt starrt, von Schwermuthsnacht umdunkelt,Er bodenwärts vom gold’nen Sitz;Jetzt aus erhob’nem Auge funkeltEin jäher, schnell erloschner Blitz.Entzündet Schaam ihn? Reue? Grausen?Ist’s irren Wahnsinns Raserei? –An seinem Ohre tobt das BrausenDes Festes ungehört vorbei.
Jetzt greift er, wie in Krampfeszwange,Nach dem Pokal mit goldnem Wein,Und zu der Krieger rauhem SangeStimmt wild der greise König ein;Doch bald dem Aechzen gleicht die Stimme,Von einer wunden Brust verstöhnt,Und bald dem Laut von innerm GrimmeDeß, den ein stärkrer Feind verhöhnt.
Sieh, mit der Silberschüssel BürdeStellt sich ein römisch Knabenpaar,In königlicher Diener Würde,Gemessnen Schritts den Gästen dar,Durchschreitet ernst den Raum des Saales,Naht, wo der König sitzt, dem Tisch,Und setzt vor ihn den Schmuck des Mahles,Des blauen Meeres schönsten Fisch.
Der König sieht’s und starrend hangenDie Augen an des Fisches Haupt,Das, wie Medusens Haupt voll Schlangen,Ihm Rede, Kraft, Bewegung raubt.Der Schlag der Pulse scheint zu stocken,Der Geist und jeder Sinn betäubt,Und grausig sind die SilberlockenDes Königes emporgesträubt.
Doch plötzlich springt er in die HöheIn jähen Schreckens irrer Hast,Als ob er wildem Feind entflöhe,Von ihm beim greisen Haar gefaßt.So strebt er vor, kann nicht von dannen,Und nach dem Fische muß er schaun,Und Fuß und Auge fühlt er bannenVon Angst und ungeheurem Graun.
Und als mit rauhem, dumpfen Schalle,Ein Jammerschrei der Brust entsteigt,Da kehrt nach ihm aus weiter HalleSich jeder Blick und Alles schweigt.Der Rachegöttin Hauch durchschauertMit eis’gem Wehen jeden Gast,Der Göttin, die im Stillen lauert,Und Könige wie Bettler faßt.
Und Er, mit vorgestreckten Händen,Zurückgebogen Brust und Haupt,Bemüht, das Antlitz abzuwenden,Doch starr hinschauend, ächzt und schnaubt.„Fort,“ kreischt er stöhnend, „fort die Leiche!Fort, sie verhaucht des Grabes Duft!Fort, grause Schreckgestalt, entweiche!Fort Ungethüm, in deine Gruft!“
„Bedenke, Sclav, ich kann dich würgen –Der König ist’s, den du bedrohst!Doch du vertraust auf einen Bürgen,Der nie versagt, und bleibst getrost.Der Tod ist’s, den ich dir gegeben,Der schützt dich vor des Königs Wuth,Der giebt in deine Hand mein LebenUnd bricht den nie gebeugten Muth.“
„Ha, wie die todten Augen rollen!Wie er die Zähne fletschend grins’t!Ich fleh’! ich flehe! laß dein Grollen!Was ist’s, das du damit gewinnst?Dich tödten konnt’ ich, grauser Schatten,Dich tödten wider Recht und Pflicht,Das Leben aber dir erstatten,Ach, das vermag der König nicht!“
„Weh, Gott im Himmel, noch ein Zweiter,Wie Jener schrecklich, steigt empor!Mein Fuß gebannt, und immer weiter,Und immer grauser schreitet’s vor,Und kalt und gräßlich packt’s mich Armen,Und dringt auf mich zermalmend ein.O ew’ger Richter, hab’ Erbarmen,Sieh’ meine Reu’ und meine Pein!“
Und als er kaum dies Wort gesprochen,Emporgewandt den Blick voll Qual,Da scheint, was ihn gehemmt, gebrochen,Und er entstürzt dem hohen Saal,Eilt durch des nahen Tempels Pforten,Und stürzt sich nieder am AltarUnd bringt dem Allversöhner dortenDes Herzens brünstig Flehen dar.
„Herr, schau’ in meiner Seele Grunde,Was ich gewollt, das sieh in ihr,Und mit dem Leben nimm die Sünde,Die ich im Wahn verübt, von mir.Das reine Blut, das dir entflossen,Es reinige mich von dem Blut,Das, dein vergessend, ich vergossenIn meines Zornes Frevelmuth!“
Da strömt aus ew’gen Lichtes QuelleEin Flammenstrahl, der ihn durchzückt,Und ihn umgiebt mit goldner HelleUnd jedem Erdenleid entrückt.Auf seinem Antlitz thront der FriedenUnd reine Paradieseslust,Und lächelnd liegt er dort, verschieden,Gekreuzt die Arm’ auf seiner Brust.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neuere Dichtungen, S. 30–35, 1. Auflage, C. A. Schwetschke und Sohn, Halle, 1834
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Gastmahl des Theoderich“, Fassung 3.090.022 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.