Echo
Karl Streckfuß · 1778–1844
63 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1804
Stolz in seiner Schönheit Blüthe,Wild in seiner Jugend Macht,Sehnt Narciß sich nicht nach anderm Glücke,Fragt nicht, ob in holdem BlickeIhm der Liebe Zauber lacht.Doch für seinen Reiz entglühteLängst die zarteste der Schönen,Liebevoll, mit heißem SehnenDenkt sie sein bey Tag und Nacht.
Und sie folget ihm von ferneIn die Thäler, in den Wald,Folgt ihm leise nach mit bangem Schweigen,Wagt es nicht, sich ihm zu zeigen,Birgt ihm schüchtern die Gestalt.Ach! wie sagte sie so gerne,Was in ihrem Busen lebet,Doch wenn Sehnsucht vorwärts strebet,Fesselt sie der Furcht Gewalt.
Und so lauscht sie seiner Rede,In der Büsche Nacht versteckt,Lauschet sorglich jeglicher Bewegung,Oft von wunderbarer RegungTief im Innersten erschreckt.Ihr ist selbst der Frühling öde,Wo sie nicht den Holden siehet,Doch ein Zauberland erblühet,Wo sie zitternd ihn entdeckt.
Einst in der Gefährten MitteSieht sie den Geliebten stehn.Liebe treibt sie, ihm ans Herz zu sinken,Und sie sieht den Jüngling winken,Höret seine Stimme wehn. —Aus dem Busch mit raschem SchritteEilt sie, ihm ans Herz zu fliegen,Sehnend sich an ihn zu schmiegen,Glaubt vor Wonne zu vergehn.
Doch nicht ihr hat er gewinket,Und er flieht erstaunt zurück.Ach! von ihrer Lust, von ihren Schmerzen,Fühlt er nichts in seinem Herzen,Kalt und düster ist sein Blick.Und in Reu und Schaam versinketDie Betrogne, sie entfliehet,Doch im Innersten durchglühetSie das süß erträumte Glück.
In der Berge tiefste Klüfte,Zu den schroffsten Felsen trägtSie der Liebe Harm, das treue Sehnen —Einsam lauscht sie seinen Tönen,Und wenn fern ein Laut sich regt,Läßt ihn leise durch die LüfteDie Betrogne wiederschallen;Hört sie dann den Ton verhallen,Wird ihr Busen neu bewegt.
Und so schwand ihr zartes Leben,Und ihr treues Auge brach;Doch ihr Sehnen blieb den düstern Klüften,Ihre Stimme noch den Lüften,Wird bey jedem Rufe wach.Und wenn Töne sich erheben,Wähnt sie, daß der Liebling rede,Und so lispelt aus der OedeSie getäuscht die Worte nach.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 63 - 65, 1, J. V. Degen, Wien, 1804
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Echo“, Fassung 1.448.852 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.
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