Des Narcissus Verwandlung
Karl Streckfuß · 1778–1844
52 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1804
Narciß, der schönste Hirt der Flur,Von reicher Anmuth Glanz umstrahlet,Sucht überall der Schönheit Spur,Die sich in seinem Innern mahlet.
Was formlos ihm im Herzen wallt,Will zum Gedanken er erwecken,Bestrebt, im Spiegel der GestaltDas Nahmenlose zu entdecken.
So irrt er über Berg und Thal,Geäfft von irrer Hoffnung Schimmer,Ermattet von der Sehnsucht Quaal,Und findet das Gesuchte nimmer.
Einst sieht er unter jungen MainIm Rasen eine Quelle spielen,Sanft lispelnd ladet sie ihn ein,Sein glühend Herz an ihr zu kühlen.
Narcissus folgt dem Ruf, und giebtDem Blumenbord die holden Glieder,Da strahlet hell und ungetrübtIhm seiner Formen Zauber wieder.
Er sieht’s und staunt — die Schönheit lachtAus stillen Wellen ihm entgegen,Er fühlet ihre GöttermachtSein wonnetrunknes Herz bewegen.
Und er vergißt sich selbst, er siehtNur sie, die der Olymp geboren,Der er, von Ahndungen entglüht,Auf ewig Huldigung geschworen.
Doch Zevs erblickt von seinem ThronDes reinen Jünglings heilig Beben,Ihm will er nun den schönsten LohnFür die geweihten Flammen geben.
Denn wer sein Herz dem Schönen weiht,Der weiht es ewig auch dem Guten,Und läutert sich zur GöttlichkeitDurch beyder nie getrennte Gluthen.
Und Zevs gebeut: Kann so dein HerzDer Schönheit heil’ger Strahl entzünden,So sollst du des Vergehens SchmerzDer schönen Formen nie empfinden.
Drum sey der Erd’ im Flug entwandt,Der alles Schöne schnell entfliehet,Zu wohnen in dem seel’gen Land,Wo ewig jung die Schönheit blühet.
Doch eine Blume blühe da,Wo einst, zur Quelle hingesunken,Dein Blick das Tiefempfundne sah,In wundersüßem Schauen trunken.
In voller Blüthe soll die MachtDes Sturmes ihren Stängel knicken,Sie soll, wenn neu der Lenz erwacht,Auch neuerblüht der Quelle nicken.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 27-29, 1, J. V. Degen, Wien, 1804
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Des Narcissus Verwandlung“, Fassung 4.645.514 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.
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