Der Blumenkranz
Karl Streckfuß · 1778–1844
117 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1834
Einen Kranz hab’ ich gefunden,Und in freudigem ErstaunenHab’ ich vor dem Kranz gestanden,Hab’ ich vor dem Kranz gesessen,Froher Rührung voll, das Auge,Thränenlos bei manchen Schmerzen,Von der Freude sanft befeuchtet,Sprachlos lang – doch endlich sprach ichZu dem lieben bunten Kranze:Schöner Kranz, ich weiß es sicher:Wackre Männer, holde Frauen,Haben dich vereint gespendet.Diese haben dich erfunden,Jene haben dich gebilligt;Diese haben dich geschlungenUnd mit schönen Händen ämsigDich geschmückt mit zarter Schleife.Dennoch muß ich sehr erstaunen,Denn du sprichst so klar das ZeugnißDes Vertrauens und der Neigung.Wohnen die in solchen Herzen,Ist unschätzbar solches Zeugniß.Aber sprich, mein holdes Kränzlein,Wie doch ist es mir gelungen,Mir, der flüchtigen Erscheinung,Das Vertrauen und die NeigungWackrer Männer, holder Frauen,Mir im Fluge zu verdienen?
Sprach darauf das Kränzlein wieder –Und mein geistig Ohr, es glaubteEinzeln deutlich zu vernehmenJetzt der Rosenknospe Stimme,Jetzt die Töne der Levkoyen,Jetzt der andern frischen Blumen.Selbst die woll’ge WiesenblumeKos’te mit, doch sehr bescheiden,Aber ließ vom MorgenwindeSich ein leichtes Flöckchen raubenUnd an meinen Mantel wehen.
Und dies war der Blumen Rede:Weißt du nicht, du kleiner Dichter,Was vom Glück ein großer sagte?„Aus den Wolken muß es fallen,Aus der ew’gen Götter Schooße.“Also sind sie dir geworden,Das Vertrauen und die NeigungWackrer Männer, holder Frauen,Diese köstlichen Geschenke,Unverdient, doch wohlerworben.Was du that’st, sie zu erwerben,Wenig ist’s, du wirst’s bekennen.Nahtest dich mit offnem Herzen,Jungen Frohsinn im Gemüthe,Schönen, heitern, offnen Herzen;Fühltest Neigung und Vertrauen,Zeigtest sie auch ohne Worte,Und so hast du sie erworben.
Vieles kos’ten noch die Blumen,Und ich pflog noch manche StundeMit den zarten Kindern Zwiesprach.Leiser wurden da die Stimmen,Immer leiser – und die BlüthenSenkten sich, die Blätter welkten.Und ich merkt’ es banges Herzens,Wagte selbst kaum mehr zu sprechen.Aber, mein Erbangen fühlend,Hoben meine zarten BlumenBlüthen, Farben, Worte wieder,Sprachen dann in vollem Einklang:Ja, wir sterben – alle Blumen,Die der Erd’ entkeimen, sterben.Doch wir leben, ja, wir leben,Da Vertrauen uns und NeigungWackrer Männer, holder FrauenIn dem schönen Kranz gespendet –Leben fort in einer Blume,Welche, selber unverwelklich,Uns bewahrt vor dem Verwelken,Ob wir gleich uns jetzo neigen.Dieses ist der Liebe Blume,Die im warmen treuen HerzenBlüht, bis es in Staub zerfallen.Aber, wenn’s in Staub zerfallen,Schwingt sich neu verjüngt, ein Phönix,Diese Blum’ empor zum Aether,Ganz aus reinem Licht gestaltet.Dorthin fliegt sie, wo ein GlanzstreifSanften Lichts des Himmels WölbungSchön und wunderbar durchschneidet –Milchstraß’ heißt er, von der Nahrung,Die in brünst’gem Liebesdrange,Alles gebend, nichts verlangend,Treuer Mütter Busen spendet –Zwar es sagen die Gelehrten,Sterne seyen dies, unzählbarAusgesät im Himmelsfelde.Doch der Liebe Blumen sind es,Die dort ewig leuchtend blühen,Eine klar im Schein der Andern,Und sich wunderbar zum StreifenIn des Menschen Blick verschmelzen.Und dort wird sie einstens blühenDeines Herzens Liebes–Blume.Wir auch werden mit ihr blühenHier im Herzen, dort im Lichte;Denn dort ist für MyriadenSolcher Blumen Raum vorhanden,Ja, mehr Raum, je mehre blühen.
Sprachen’s, schwiegen, welkten wieder.Als das Kränzlein nicht mehr kos’te,Hört’ ichs doch zu meinem Troste.Und ob ich es welken sahe,Frisch bleib Neigung und Vertrauen.Und die Rosse flogen weiter;Ich mit ihnen, klar und heiter,Wackre Männer, holde Frauen,Eilte fort, und blieb euch nahe.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neuere Dichtungen, S. 36–40, 1. Auflage, C. A. Schwetschke und Sohn, Halle, 1834
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Blumenkranz“, Fassung 3.448.965 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.
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